
- Christian Wilhelm Dohm - LLB Detmold
Christian Wilhelm Dohm wurde in der lippischen Kleinstadt Lemgo als Sohn eines Pastors geboren. Nach dem frühen Tod seiner Eltern wuchs er in verschiedenen Pastorenhaushalten auf und bildete sich als Autodidakt fort. Er studierte Theologie und Philosophie in Leipzig und Rechtswissenschaft in Göttingen und Kassel. Nach einer Zwischenstation als Professor für Kameralistik in Kassel, trat Dohm in den preußischen Staatsdienst ein und wurde im Rang eines geheimen Kriegsrats mit diplomatischen Ämtern und Aufgaben betraut. Dohm war ein typischer Repräsentant der preußischen Reformbürokratie im Zeitalter des aufgeklärten Absolutismus. Als Herausgeber politisch- literarischer Zeitschriften, Mitglied der Kasseler Freimaurerloge und der Berliner „Mittwochsgesellschaft“ setzte er sich für eine liberale Umgestaltung der Politik auf der Grundlage von Bildung und Vernunft ein. Über den Kreis um Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Nicolai kam er mit der „Judenfrage“ in Kontakt, die zunächst noch im Sinne religiöser Toleranz und nicht mit dem Ziel rechtlicher Gleichstellung diskutiert wurde. Man erinnere sich an Lessings Dramen Die Juden (1749) und Nathan der Weise (1779).
Rechtliche Gleichstellung und „bürgerliche Verbesserung“
Auf Anregung Mendelssohns verfasste Dohm 1781 eine Schrift mit dem programmatischen Titel Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Darin forderte der preußische Diplomat als erster europäischer Gelehrter die vollständige rechtliche Gleichstellung der Juden. Wenn die Juden der Gegenwart negative Eigenschaften aufwiesen, sei dies auf ihre jahrhundertelange Diskriminierung zurückzuführen, die im Sinne eines aufgeklärten Staatswesens überwunden werden müsse. Mit Hilfe einer staatlich gelenkten Erziehungspolitik könne man die Juden in nützliche Bürger verwandeln. Darunter verstand Dohm in erster Linie den Zugang zu weltlicher Bildung und die Umlenkung der Berufsstruktur vom Handel (damals noch weitgehend gleichbedeutend mit Hausieren) zu Handwerk und Landwirtschaft. Die Konversion als Zugangsberechtigung zur bürgerlichen Gesellschaft verlangte Dohm dagegen nicht mehr. Er sprach sich sogar, im Gegensatz zu jüdischen Reformern wie Mendelssohn, für den Erhalt der Rechtsautonomie der jüdischen Gemeinden aus.
Assimilation als Vorbedingung für die Emanzipation?
Dohms Denkschrift prägte in weiten Teilen Europas die Diskussionen um die Judenemanzipation und trug maßgeblich dazu bei, dass es im Gefolge der Französischen Revolution nicht bei einer gelehrten Debatte blieb. So wurden die Juden 1791 in Frankreich vollständig und 1812 in Preußen weitgehend rechtlich gleichgestellt. Anders als in Frankreich wurde im Bereich des Deutschen Bundes nach 1815 das Rad der Geschichte allerdings wieder zurück gedreht. Die Vollendung der Judenemanzipation zog sich in Deutschland noch bis 1871 hin und war mit einem zähen und wechselhaften Ringen zwischen Befürwortern und Gegnern verbunden.
In der politischen Praxis hatte das Dohmsche Emanzipationskonzept seine Tücken. In der Reaktionszeit nach 1815 und nach 1849 konnte die von Dohm vorgesehene staatliche Erziehungspolitik als Vorwand missbraucht werden, um die Assimilation zur Vorbedingung der rechtlichen Gleichstellung zu erklären. Diesmal nicht mit der Absicht, die Juden tatsächlich in die bürgerliche Gesellschaft zu integrieren, sondern ihnen die Emanzipation mit dem Argument zu verweigern, sie hätten sich noch nicht genügend assimiliert. Diesen konservativen Missbrauch der Kopplung von Emanzipation und Assimilation hatte Wilhelm von Humboldt bereits 1809 vorausgesehen und stattdessen eine bedingungslose Gleichstellung gefordert. Dabei teilte allerdings auch Humboldt die bei vielen Aufklärern anzutreffende negative Einstufung des traditionellen Judentums. Er ging lediglich davon aus, dass sich die Juden freiwillig schneller assimilieren würden als unter Zwang. Die in der Historiographie verbreitete Ansicht, Humboldt habe ein liberaleres Emanzipationskonzept vertreten als Dohm, ist daher missverständlich.
Judenemanzipation im Zeitalter der Industrialisierung
Spätestens mit Beginn der Industrialisierung um die Mitte des 19. Jahrhunderts machte sich deutlich bemerkbar, dass Dohms Emanzipationskonzept noch auf vormodernen sozioökonomischen Grundlagen beruhte. Dohms Pläne zur Produktivierung der Juden gingen von einer durch Handwerk und Landwirtschaft geprägten Wirtschaftsordnung aus, in der Handel und Bankwesen eine untergeordnete Rolle spielten und “unproduktiv” seien. Tatsächlich aber boomte das angestammte Tätigkeitsfeld der Juden in Handel und Geldwirtschaft zur Industrialisierungszeit. So kann es kaum verwundern, dass die von Dohm anvisierte Berufsumschichtung nicht stattfand. Die Juden blieben in sozioökonomischer Hinsicht eine ethnische Gruppe, die sich von der christlichen Mehrheitsbevölkerung weiterhin deutlich unterschied. Sieht man einmal von der platten Gleichsetzung von Judentum und kapitalistischer Wirtschaftsgesinnung ab, hat Karl Marx in seinem Pamphlet Zur Judenfrage (1844) den Anachronismus von Dohms Emanzipationskonzept im Zeitalter des Kapitalismus brillant aufgedeckt.
Dialektik der Aufklärung
Der Verlauf der Judenemanzipation in Deutschland zwischen 1780 und 1871 ist von der historischen Forschung überwiegend als eine, wenn auch mit Rückschlägen behaftete, Erfolgsgeschichte geschrieben worden. Unter dem Stichwort „Dialektik der Aufklärung“ hat sich aber mittlerweile eine deutlich negativere Sichtweise durchgesetzt. Bereits zur Zeit der Aufklärung und verstärkt zur Zeit der Romantik gab es von ganz verschiedenen Seiten Widerstände gegen die Judenemanzipation. Die französischen Deisten um Voltaire hetzten gegen die überkommene und minderwertige jüdische Gesetzesreligion. Kirchen und konservative Obrigkeiten schirmten mit der Theorie vom christlichen Staat das Gemeinwesen vor jüdischer Partizipation ab. Und schließlich konstruierte der romantische Nationalismus die Juden als Franzosenfreunde und Deutschenfeinde.
Aber auch die Emanzipationskonzepte der Aufklärer sind wegen ihres integrationalistischen Anspruchs einer Revision unterzogen worden. Unter dem Einfluss des Zionismus einerseits und des Multikulturalismus andererseits sind die Emanzipationspläne der Aufklärer seit dem Zweiten Weltkrieg scharf kritisiert worden. Die Juden sollten nur als Menschen und Bürger gleichgestellt werden, nicht als Juden. Das Ziel der Emanzipation sei die Auflösung des Judentums gewesen, zwar nicht mehr als Religion durch Konversion, wohl aber als ethnische Gruppe durch Assimilation. Die Emanzipation habe nicht die Toleranz gegenüber einer Minderheit befördern, sondern die Minimierung ethnischer Differenz erreichen wollen. Diese unhistorische Aufklärungskritik bezieht ihre Logik aus dem Fluchtpunkt des Holocaust, anstatt aus den rechts- und sozialgeschichtlichen Verhältnissen an der Wende zum 19. Jahrhundert. Die Judenemanzipation scheiterte nicht an den Emanzipationskonzepten ihrer Befürworter, sondern am Antisemitismus ihrer Gegner.
Literatur
- Berghahn, Klaus L., Grenzen der Toleranz. Juden und Christen im Zeitalter der Aufklärung, Köln 2000.
- Bruchmann, Karl G., Christian Wilhelm Dohm, in: NDB 4 (1959), S. 42f.
- Dambacher, Ilsegret, Christian Wilhelm Dohm. Ein Beitrag zur Geschichte des preußischen aufgeklärten Beamtentums und seiner Reformbestrebungen am Ausgang des 18. Jahrhunderts, Frankfurt a.M. 1974.
- Möller, Horst, Judenemanzipation und Staat. Ursprung und Wirkung von Dohms Schrift über die bürgerliche Verbesserung der Juden, in: Walter Grab (Hg.), Deutsche Aufklärung und Judenemanzipation, Tel Aviv 1980, S. 119-153.
