Nach der Zerstörung von mehreren Heiligengräbern haben Islamisten auch die "heilige Tür" der Sidi-Yahia-Moschee in Timbuktu eingerissen. Und nun herrscht große Empörung in der westlichen Welt und in den westlichen Medien. Als Kriegsverbrechen sollen die Täter verfolgt werden, heißt es bereits. Doch wenn sich die Vertreter der westlichen Welt ähnlich verhalten schweigt die Presse.

Museen, Auktionshäuser und private Sammler

Schließlich sind es keine Muslime sondern Plünderer aus den zivilisierten, westlichen Staaten, die in Kambodscha ganze Tempel zersägen und dann in Teilen über Bangkok nach New York, London oder Frankfurt bringen. Kambodscha ist übersät mit über tausend kleineren Tempeln, die kaum erforscht sind und gnadenlos geplündert werden, seit Minenräumkommandos den Zugang zu den hinduistischen Sakralanlagen sicherer machten.

Die Tradition des Plünderns

Der Raub solcher Pretiosen hat eine lange Tradition in den westlichen Ländern. Sobald sich Europäer weiter auf See hinaus wagten, um ihre Kolonialreiche aufzubauen, zogen sie plündernd und sengend durch ihre neuen exotischen Besitzungen. Als britische und französische Verbände 1860 während des Zweiten Opiumkrieges Peking besetzten, plünderten sie den kaiserlichen Sommerpalast. Als die französischen Truppen wieder abzogen, führten sie 300 Waggons in ihrem Tross, bis zum Rand gefüllt mit Bronzestatuen, Jadefiguren, lackierten Möbeln, Kaligraphien, Tuschemalereien, glasiertem Porzellan.

Nachdem britische Truppen Tippu Sultan von Mysore 1799 geschlagen hatten, übernahmen sie das indische Wort „loot“ für plündern nicht nur in den englischen Wortschatz, sondern wandten es auch sogleich ausgiebig an. Die Soldaten stopften sich die Taschen voll mit Diamanten, Perlencolliers, Ringen – so berichteten Augenzeugen – und hinterließen eine Spur der Zerstörung.

Bevor er als Gründer der Pfadfinderbewegung jeden Tag eine gute Tat vollbringen musste, raubte Baden-Powell nach dem erfolgreichen Abschluss der zweiten Expedition ins Reich der Ashanti im heutigen Ghana König Prempehs Gold und Juwelen. Der Deutsche Ludwig Borchardt, der die Pyramiden von Abu Sir ausgrub und die Büste der Nofretete fand, brüstete sich, 15 000 antike Stücke aus Ägypten nach Berlin gebracht zu haben, wo sie heute auf der Museumsinsel als Weltkulturerbe gefeiert werden.

Beutefeldzüge

In allen Kriegen und auf jedem Feldzug wird seit alters her geplündert. Die deutschen sowie die japanischen Armeen im Zweiten Weltkrieg erwiesen sich als besonders gierig und schafften ganze Schiffs- und Zugladungen voller Kunstwerke aus den besetzten Gebieten nach Japan und ins Deutsche Reich, wo sie die Paläste Kaiser Hirohitos, Hitlers Berghof, Görings Carinhall oder zahlreiche Museen schmückten.

Nach dem Krieg zwischen Georgien und Abchasien 1992 verlor die abtrünnige Provinz gleich ihre ganze Geschichte. Zuerst plünderten georgische Soldaten das Nationalmuseum in Suchum. Danach öffneten vier Mitglieder der georgischen Nationalgarde gewaltsam die Türen der Staatsarchive und warfen Brandbomben in die Räume. Die Bücher und Dokumente, die Abchasiens Vergangenheit belegten, wurden zu Asche.

Zusammenarbeit von Armee und Plünderern

Nachdem 2003 die „Koalition der Willigen“ Bagdad eingenommen hatte, leerten einheimische Plünderer, schatzsuchende Soldaten und Altertumsexperten, die zum Tross der Invasionsarmeen gehörten, unbehindert die Museen der Stadt. Drei Tage lang wurde Bagdad geplündert; die Nationalbibliothek, das Nationalarchiv sowie die Koranbibliothek gingen in Flammen auf, in denen beinahe die gesamten Bestände, zwölf Millionen Bände, verbrannten.

Die Sieger genießen Immunität

Schon während der Kriegshandlungen hatten Bomben erhebliche Schäden im Ausgrabungsgelände von Ur angerichtet, auf der Ausgrabungsstätte von Tell al-Lahm hatten US-Truppen 1991 im Golfkrieg einen Stützpunkt eingerichtet und mit schwerem Baugerät die Stellung ausgebaut. Bis heute ist kaum abzuschätzen, wie groß die Schäden infolge des Krieges sind. Die Forderung der UNESCO, eine systematische Studie über die Auswirkungen des Krieges auf die antiken Fundstätten durchzuführen, lehnte der UN-Sicherheitsrat ab.

Sieger kommen nicht vor Gericht.

Literatur:

Brendon, Piers, “The Decline and Fall of the British Empire, 1781-1997”, London, 2008

Gelber, Harry G., „The Dragon and the Foreign Devils – China and the World. 1100 BC to the Present“, London-New York-Berlin, 2007

Gibson, McGuire, „Cultural Tragedy in Iraq: A Report on the Looting of Museums, Archives, and Sites“, IFAR Journal, Vol. 6, Nos. 1 & 2, 2003

Eakin, Hugh, „The Devestation of Iraq’s Past”, in The New York Review of Books, 14. August 2008

Rothfield, Lawrence, „Rape of Mesopotamia“, University of Chicago Press, 2009

Watson, Peter, „Sotheby’s: The Inside Story“, New York, 2007

Wertz, Armin, "Tempelräuber & Co", in Lettre International Nr. 89, Sommer 2010