Christoph Hein: Horns Ende

Buchcover: Horns Ende - Suhrkamp
Buchcover: Horns Ende - Suhrkamp
In dieser multiperspektivischen Ich-Erzählung zeigt der Autor das geschlechterspezifische Scheitern in der gesellschaftlichen Enge der frühen DDR.

In diesem drei Jahre nach seinem Durchbruch mit Drachenblut erschienenen Roman bedient sich Hein eines bei ihm beliebten Instruments, das er später beispielsweise bei Landnahme (2005) wieder verwenden sollte: der multiperspektivischen Ich-Erzählung.

Bigotterie und Verlogenheit einer kleinen Stadt

Der Historiker Horn ist 1953 nach einem Parteiausschlussverfahren (aus der SED – der Roman spielt natürlich in der DDR, der Heimat des Autors) nach Guldenberg auf das berufliche Abstellgleis geschoben worden. Dort war er einsam und unzugänglich und hat keine außerberuflichen Kontakte geknüpft. Als ihn neuer Ärger durch eine Untersuchungskommission wegen latenter Systemkritik ereilt, entscheidet er sich für den Freitod, weil man nicht immer davonlaufen könne.

In einen dunklen Zusammenhang mit Horns Tod werden die Zigeuner gebracht. Diese kommen jedes Jahr in die Stadt und kampieren trotz Verbot auf der zentralen Bleicherwiese. Der Bevölkerung und der Verwaltung sind sie ein Dorn im Auge. Nach Horns Tod verschwinden auch die Zigeuner und kommen im nächsten Jahr nicht mehr wieder.

Obwohl der Titel des Romans suggeriert, dass die Erzählung sich um diesen Selbstmord drehen würde, steht eigentlich etwas anderes im Mittelpunkt: die Enge, Bigotterie, Verlogenheit und Niederträchtigkeit in einer kleinen Stadt.

Die Ich-Erzähler

Aus der Perspektive fünf unterschiedlicher Personen kreist der Roman um die Zeit des Selbstmordes des Museumshistorikers Horn Anfang September 1957. Der fiktive Zeitpunkt der Erzählung liegt nach 1973.

Kruschkatz ist der Bürgermeister der Kleinstadt Guldenberg. Er ist erst 1954 nach Guldenberg gekommen, ein Jahr nach Horn. Diesen kennt er aus seinem früheren Berufsleben und hatte ihm seinerzeit das Parteiausschlussverfahren eingebrockt, das Horns wissenschaftlicher Karriere ein vorzeitiges Ende bereitete. Kruschkatz fühlt sich in der kleinen Stadt fast genauso auf dem Abstellgleis wie seine Frau.

Dr. Spodeck, der Allgemeinmediziner am Ort, fühlt sich in Guldenberg ebenso gescheitert wie der Bürgermeister. Er ist das Kind einer alleinerziehenden Mutter aus der Unterschicht und eines stadtbekannten reichen Unternehmers. Dieser hatte ihm einst das Studium und die Praxis finanziert, unter der Bedingung, in Guldenberg zu bleiben. Spodeck lebt in einer unglücklichen Ehe und erlebt seinen, wie er sagt, einzigen glücklichen Tag, als er mit dem Hausmädchen schläft.

Thomas ist der 1957 vierzehnjährige Apothekersohn, dessen Freund Paul ihm die am Baum hängende Leiche Horns zeigt. Zuvor hatte Thomas Horn gelegentlich im Museum geholfen.

Gertrude Fischlinger ist Pauls verheiratete aber alleinstehende Mutter und die Vermieterin von Horn. Die beiden hatten bis zum Juni vor Horns Tod eine halbjährige, nicht von Liebe oder Zuneigung geprägte, sondern der Einsamkeit geschuldete Affäre, die Horn beendete.

Marlehne ist die geistig behinderte Tochter des Museumsmalers Gohl, deren Mutter sich einst für sie im Nazi-KZ geopfert hatte. Ihr Vater Gohl ist der einzige Erwachsene in der Stadt, der mit den Zigeunern freundschaftlichen Umgang pflegt.

Männer scheitern beruflich

Charakteristisch für die Figuren des Romans ist ihr Scheitern. Allen voran natürlich die Titelfigur Horn, die durch ihren Selbstmord das größtmögliche Scheitern auf ganzer Linie verkörpert. Im Gegensatz zu den anderen Figuren scheitert Horn aber nur teilweise an der spezifischen kleinstädtischen Enge von Guldenberg. Er wird von einem Mitarbeiter denunziert, der natürlich für die kleinstädtische Niedertracht steht. Nichtsdestotrotz wird hier vor allem Kritik am politischen System der DDR an sich laut.

In ähnlicher Weise gescheitert sind der Bürgermeister Kruschkatz und der Arzt Spodeck. Beide leben in einer zerrütteten Ehe und beide haben in Guldenberg ihre Karrierewünsche begraben. Kruschkatz wollte politisch höher hinaus, der Bürgermeisterposten steht nicht nur für sein berufliches, sondern auch für sein privates Scheitern, denn erst durch das Leben in Guldenberg hat sich seine in der kleinen Stadt unzufriedene Frau von ihm entfernt, bis sie sich schließlich regelrecht vor ihm ekelte. Der praktische Arzt Spodeck hätte eigentlich lieber eine psychiatrische oder gar eine wissenschaftliche Karriere eingeschlagen, konnte sich aber gegen seinen Vater nicht durchsetzen. Aus Mutlosigkeit hat er den bequemen Weg einer eigenen, von seinem Vater finanzierten Praxis gewählt. Die gleiche Mutlosigkeit lässt ihn an seiner Ehe festhalten, die vor allem durch gegenseitigen Hass geprägt ist.

Frauen scheitern privat

Gertrude Fischlinger hingegen ist lediglich im Privatleben gescheitert. Ihr Mann hat sie bereits kurz nach der Hochzeit wegen einer Jüngeren verlassen, als sie schon schwanger war. Ihr nun halbwüchsiger Sohn Paul gehorcht ihr nicht und entwickelt kriminelle Tendenzen. Ebenso wie Kruschkatz und Spodeck findet sie sich resigniert mit ihrem Scheitern ab.

Marlene scheitert in ähnlicher Weise wie Gertrude Fischlinger, nämlich in der Ehe, wobei noch nicht festzustellen ist, ob es sich um ein endgültiges Scheitern handelt.

Scheitern gemäß Geschlechterrollenstereotyp

In der Gesamtschau fällt vor allem der Gegensatz zwischen männlichen und weiblichen Figuren auf. Bei den Männern handelt es sich in erster Linie um ein Scheitern auf beruflicher Ebene und noch dazu um eins auf gehobenem Niveau. Alle drei – Horn, Kruschkatz und Spodeck – sind Akademiker und arbeiten in gesicherten bürgerlichen Berufen. Ihr Scheitern lässt sich vor allem an mangelnden oder ausgeschöpften Entwicklungs- und Karrierechancen festmachen. Bei den Frauen hingegen findet das Scheitern auf einem niedrigeren sozialen Niveau und ausschließlich im häuslich-familiären Bereich statt. Dadurch spiegelt der Roman das seinerzeit gültige Rollenstereotyp wieder.

Christoph Hein: Horms Ende, Suhrkamp, 9 Euro.

Norman Riebesel, Norman Riebesel

Norman Riebesel - Hallo, ich bin Norman Riebesel. Ich bin seit Mai 2010 bei Suite101. Seit 2007 bin ich als freier Journalist tätig. Vorher habe ich ...

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