Christopher Isherwood - Cabaret im 20er-Berlin

Das Leben des britischen Autors, der die Goldenen 20er beschrieb

Die "Roaring Twenties", Goldenen 20er in Berlin erlebte der britische Autor hautnah mit - und schuf die Grundlage für das Erfolgsstück "Cabaret".

Cabaret? Ein Dauerbrenner, ein Mythos, und viel bekommen beim Gedanken daran feuchtglänzende Augen: Die Dreiecksgeschichte um die Tänzerin Sally Bowles und den Kit-Kat Club hat als Musical und Film Generationen bezaubert. Sie hat mit geholfen, eine Legende zu schaffen: das Berlin der 20er, die „Roaring Twenties“ der Weimarer Republik. Die Grundlage des Musicals: The Berlin Stories – eine Sammlung von Berlin-Erzählungen aus der Feder Christopher Isherwoods.

Isherwoods "Berlin Stories"

Dabei verbrachte Christopher William Bradshaw-Isherwood, geboren 1904 in England, nur etwa drei Jahre seines Lebens in Berlin. Sein Hauptanziehungspunkt war nicht das breite kulturelle Leben, sondern – wie er später freimütig zugab – die Berliner Jungs. 1930 bezog er ein Zimmer im Stadtteil Tiergarten (direkt neben Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft), unterrichtete Englisch und entdeckte die schwule Szene. Unter dem Eindruck von Hitlers Machtübernahme 1933 verließ er die Stadt wieder. In den folgenden Jahren schrieb er in England die Bücher, die dem Erfolgsmusical Cabaret zugrunde gelegt werden und ihn berühmt machen sollten: Mr. Norris Changes Trains (1935) und Goodbye to Berlin (1939). Es sind tatsächlich interessante und fesselnde Bücher, aber es wäre ein Verlust, Isherwood allein auf seine Berlin-Erfahrung zu reduzieren.

Denn nicht nur in den „Berlin Stories“ ging Isherwood sehr offen mit Homosexualität um. Lange vor Stonewall beschrieb er – oft mit autobiographischem Hintergrund – in seinen Büchern ganz selbstverständlich schwule Figuren. Die waren zwar oft melancholisch, was jedoch eher in ihrer menschlichen Natur begründet war als in der sexuellen Orientierung.

Isherwood: ein moderner, aufgeklärter Homosexueller

1964, fünf Jahre vor den berühmten Ausschreitungen in der Christopher Street, hatte Isherwood in seinem Buch "A Single Man" (seit kurzem als "Der Einzelgänger" auch auf Deutsch) sein endgültiges Coming Out. Die Hauptperson des Romans, George, ist ein eindeutiges Alter Ego von Isherwood: Brite, Literaturdozent, 58 Jahre alt, schwul. Das Interessante dabei: Die Homosexualität ist ein vollkommen unspektakulärer integraler Bestandteil der Persönlichkeit Georges. Kein Wunder, dass Isherwood nach Stonewall als ein Vorkämpfer der schwulen Befreiung gefeiert wurde und sich offen für die entstehende schwule Bewegung einsetzte.

Doch man darf auch nicht übersehen: Bis zu diesem Buch, das oft als Krönung seines literarischen Werks angesehen wird (auch wenn es nicht so berühmt ist wie "Goodbye to Berlin"), war es ein langer Weg. Isherwood wusste zwar schon recht sicher, wohin seine sexuelle Orientierung zielte („Wenn es Männer nicht geben würde, sollte man sie erfinden!“) und hatte seit gemeinsamen Schulzeiten zu W.H. Auden eine auch auf körperlicher Anziehung beruhende Freundschaft, doch seine literarische Verarbeitung des Themas „Homosexualität“ entwickelte sich erst im Laufe seines Werkes – und es gab ja noch andere Themen.

Zweiter Weltkrieg: Pazifismus und indische Philosophie

1939 verließ Isherwood das ihn moralisch einengende England und emigrierte nach Kalifornien, wo er als Drehbuchautor arbeitete. Der Ausbruch des zweiten Weltkriegs machte Isherwood zum Pazifisten und 1943 wurde er Anhänger des hinduistischen Guru Swami Prabhavananda. Er entdeckte seine spiritistischen Neigungen, schrieb viel zur Vedanta-Philosophie und übersetzte gemeinsam mit dem Guru Werke aus dem Indischen. In der Folgezeit machte Isherwood auch Drogenerfahrungen. Einmal fuhr er nach einer Dosis Meskalin schnell mit dem Taxi zu einer nahegelegenen Kirche, um zu sehen, ob Gott da ist. Vor Ort bekam er jedoch einen Lachkrampf.

Seit 1946 amerikanischer Staatsbürger, lebte Isherwood in Los Angeles, wo er 1953 den jungen Maler Don Bachardy kennenlernte. Die beiden begannen eine Beziehung, und trotz (oder wegen?) des Altersunterschieds hielt die Partnerschaft 35 Jahre, bis Isherwood im Alter von 82 Jahren am 4. Januar 1986 in Santa Monica starb. In "Christopher And His Kind", einem autobiographischen Roman über seine Berlin-Zeit, hatte Isherwood 1977 geschrieben: „Ich will gemäß meiner Natur leben und einen Ort finden, wo ich sein kann was ich bin.“ Berlin war so ein Ort für ihn – allerdings nur bis zur Machtübernahme der Nazis.

Der Einzelgänger (Übers. Axel Kaun). Verlag MännerschwarmSkript, Hamburg 2005. 191 S., geb., 18 Euro

Leb wohl, Berlin (Übers. Susanne Rademacher). Ullstein, Berlin 2004. 250 S., Tb 7,95 Euro