Kopfschmerzen kennt fast jeder - aber es gibt über 200 Arten von Kopfschmerz, da kann man schon mal den Überblick verlieren und zum falschen Mittel greifen. Die häufigsten Formen von Kopfschmerz sind Migräne, Cluster-Kopfschmerz, Spannungskopfschmerz und der medikamenteninduzierte Kopfschmerz, die Behandlungsschritte unterscheiden sich je nach Diagnose. Wenn sich herausstellt, dass der Brummschädel eine Migräne ist, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten der Behandlung: Entspannungsverfahren, Medikamente zur Prophylaxe und im Akutfall, angepasste Lebensführung. Ende 2010 fand eine Studie zur Behandlung der Migräne heraus, dass die interdisziplinäre Behandlung (Einnahme von Betablockern plus Verhaltenstraining) ebenfalls gute Ergebnisse erzielt. Und trotzdem leiden immer noch bis zu 2,4 Prozent der deutschen Bevölkerung an chronischer Migräne, das heißt: Weit über eine Million Menschen in Deutschland haben an 15 oder mehr Tagen im Monat Kopfschmerzen und alle anderen Symptome einer Migräne. Neben dem individuellen Leid, das damit entsteht, kommt auch noch das schlechte Ansehen der Erkrankung dazu. Das Unverständnis der Nichtbetroffenen und die gängigen Vorurteile bringen die Betroffenen dazu, die Migräne zu verheimlichen, so groß ist der soziale Druck.

Im Sommer 2010 wurden in Deutschland die Ergebnisse einer Doppelblindstudie bekannt, die Injektionen mit Botulinum-Toxin, eher bekannt als Botox, als zusätzliche wirksame Möglichkeit der Migräneprophylaxe bei chronischer Migräne deklarierten. Daraufhin wurde Botox zur Behandlung der chronischen Migräne zugelassen, in den USA und in Großbritannien und in Deutschland die Zulassung beantragt. Aber schon im Februar 2011 wurden in Großbritannien Stimmen laut, die die Wirksamkeit anzweifeln. Hilft Botox nun bei Migräne oder nicht?

Die Befürworter von Botox und ihre Studie

Im Sommer 2010 wurden in Deutschland unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. die Ergebnisse zweier Studien publiziert, die zuvor in der Fachzeitschrift "Cephalalgia" veröffentlicht wurden. Und diese stellten für viele Migräniker Hilfe in Aussicht. In zwei großen Studien in Europa und den USA wurde im Rahmen einer Doppelblindstudie 1384 Erwachsenen ein Placebo oder aber Botulinum-Toxin in sieben vorher festgelegte Muskeln am Kopf und im Nacken injiziert. Die Ergebnisse lassen vermuten, dass Botox eine Möglichkeit ist, die chronische Migräne zu behandeln - eine Erkrankung, die sonst schwer in den Griff zu kriegen ist.

Demnach verringern Injektionen mit Botulinum-Toxin signifikant die Schmerzen bei Migräne, die Häufigkeit der Anfälle nimmt ebenfalls ab, es wurden weniger Schmerzmedikamente benötigt und die Lebensqualität der Patienten stieg. Warum das Botox wirkt, kann niemand sagen - die gängigste Meinung dazu ist, dass das Toxin die neuronale Signalübertragung hemmt und daher der Schmerz nicht weitergeleitet und somit nicht wahrgenommen wird.

In Großbritannien und den USA ist Botulinum-Toxin seitdem für die Migräneprophylaxe zugelassen. In Deutschland wurde ebenfalls ein Antrag auf Zulassung gestellt, seit September 2011 ist es zugelassen.

Die Kritiker von Botox und ihre Untersuchungen

Im Februar 2011 wurde der Optimismus in Sachen Migräneprophylaxe mit Botox ausgebremst, als das Drug and Therapeutics Bulletin aus Großbritannien sich äußerte. Die von Pharmafirmen, Regierung und Werbung unabhängige Einrichtung prüft seit fast 50 Jahren medizinische Empfehlungen und Behandlungen. Und kommt im Falle der Studien zur chronischen Migräne und Botulinum-Toxin zu dem Schluss, dass die Auswahl der Probanden nicht korrekt war und damit die Ergebnisse hinfällig. Viele Studienteilnehmer sollen falsch diagnostiziert worden sein und statt einer chronischen Migräne einen medikamenteninduzierten Kopfschmerz gehabt haben. Hinzu kommt, dass die Nebenwirkungen, die jedes Medikament abhängig von Dosis und Häufigkeit hat, nicht ausreichend publiziert wurden. So soll jeder zehnte Proband mit einer Verschlechterung seiner Kopfschmerzen aus der Studie gegangen sein, zusätzlich traten Juckreiz, Muskelkrämpfe, Hautirritationen, Steifheit im Nacken auf. Das Verhältnis von Wirkung und Nebenwirkung stellt sich unter dieser Sichtweise nochmal ganz anders dar. Und noch etwas ist vom Drug and Therapeutics Bulletin kritisch angemerkt worden: Der Placebo-Effekt ist relativ groß. Die mit Botox behandelten Probanden verzeichneten einen Rückgang der Migränetage von durchschnittlich 8,8, aber die mit dem Placebo Behandelten hatten ebenfalls eine deutliche Reduzierung zu vermelden, durchschnittlich 6,6 Tage.

Botulinum-Toxin für die Behandlung der chronischen Migräne auch in Deutschland

Für die Betroffenen ist der Fall klar: Wenn es etwas gegen chronische Migräne gibt, sollte man es auch anwenden. Diese Sichtweise ist sehr verständlich, denn im Einzelfall hat manch einer nichts mehr zu verlieren und nimmt die genannten Nebenwirkungen gerne in Kauf, wenn dafür die Migränesymptome verschwinden. Die Erfahrungen der Mitglieder von Migraine Action sind in der Mehrheit positiv, sie plädieren dafür, dass die Möglichkeit der Injektionsbehandlung mit Botox in Großbritannien erhalten bleibt. Ob die deutschen Migräniker in der Masse von Botox Gebrauch machen werden und ob es hilft, wird sich in den nächsten Monaten zeigen.

Bitte beachten Sie, dass ein Suite101-Artikel generell fachlichen Rat - zum Beispiel durch einen Arzt - nicht ersetzen kann.

Quellen:

Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.

Pressetext.de

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