
- Citizen Kane - RKO Productions
Citizen Kane erklomm im Zuge einer seit 1952, alle zehn Jahre stattfindenden Umfrage unter Filmkritikern den ersten Rang in den Jahren 1962, 1972 und 1982. Das American Film Institute wählte ihn 1998 und 2007 auf den ersten Platz der 100 besten Filme. Warum ist der Film − auch heute noch − so bekannt? Warum wird er als Meilenstein und Klassiker bezeichnet? Der diesjährige 70ste Jahrestag soll Anlass sein, den Film (nochmals) vorzustellen:
Citizen Kane ist ein runder Film, eine abgeschlossene Erzählung, die offenbar mitten ins Herz trifft, und dies sowohl, was die behandelte Thematik und was die ästhetisch-materiellen Verfahrensweisen als auch was seinen Zeitbezug anbelangt. Seine Nachhaltigkeit ist bis heute spürbar.
Warum Kane?: Themen- und Motivkomplex
An erster Stelle bietet der Film eine Bandbreite an Interpretationsmöglichkeiten, die ausschließlich auf den Inhalt bezogen werden können. Auf der Hand liegen der Themenkomplex ‚Medien‘. Medienpluralisierung, Medieneinfluss auf die Meinungsbildung und Informationskontrolle, Medien und Politik, wirtschaftliche Möglichkeiten der Medienwirtschaft − all dies spielt eine Rolle. Weiterhin wird mit Charles Kane eine psychologisch ambivalente Figur geschaffen, die einerseits eine große gesellschaftliche Macht besitzt (und diese zu nutzen weiß), die andererseits aber leidet, an der Vergangenheit, dem eigenen egozentrischen Größenwahn, ihrer Einsamkeit, ihrem Selbst. Sie ist gleichermaßen ein Spiegel für den alle Möglichkeiten bei RKO nutzenden Welles selbst und für den Medienmogul William Randolph Hearst, der im Übrigen dafür sorgen wollte (und geschafft hat?), dass der Film floppte. Charles Kane führt vor, wie der amerikanische Traum glücken, dann jedoch auch, wie er zum Alptraum wird.
Drei Interpretationszugänge zu Kane
Die drei Wege der soziologischen, psychologischen und kontextorientierten Lesart haben eine unterschiedliche Standfestigkeit. Die autobiografische Lesart ist kaum haltbar; und dennoch interessant: Kane verliert wie Welles früh seine Eltern. Beide sind mit annähernd 25 Jahren im großen Mediengeschäft. Während beim einen mit dem Zuwachs von Macht und Ansehen die persönlichen Verhältnisse mehr und mehr schwinden, ist es beim Anderen der, wie Welles selbst sagt, stete Niedergang seit dem Film Citizen Kane (Oscar für das beste Drehbuch), der dennoch mit einem weiteren Oscar für Welles Lebenswerk 1977 gekrönt wird.
Der Bezug zu Hearst wird zwar in jedem Artikel und jeder Stellungnahme zum Film erwähnt, und Hearst selbst hat er offenbar zur Weißglut getrieben, tatsächlich ist er nur ein von Welles verwandtes Mittel zum Zweck, demjenigen nämlich den Film in den zeitgenössischen Kontext einzubetten. Und der Kontext war: Weltkrieg und somit extreme politische Spannungsverhältnisse; zunehmende Technisierung des Alltags, was wiederum für die Medien schnellere Informationsvermittlung und Meinungsbildung zur Folge hatte; der europäische ‚Führer‘-Gedanke und vieles mehr. Somit geht der Film weit darüber hinaus als lediglich zu zeigen, dass Geld und Macht gleichzusetzen sind.
Psychologisch interessant ist die Verarbeitung eines Kindheitstraumas, das latent den gesamten Film durchzieht (und dennoch von keiner der anderen Figuren erkannt wird, s.u.) und sich aus der Angst vor dem Verlust nahestehender Menschen und der Unfreiheit, über eigene Lebenswege zu entscheiden speist. Sich aber auf den Inhalt zu konzentrieren, wäre zu kurz gegriffen.
Filmästhetik
Orson Welles gelingt es, Aspekte der Mise-en-scène (der Inszenierung) und der Montage sowie der Musik (Bernard Herrmann), nicht nur sinnvoll miteinander zu verknüpfen, sondern auch sinnvoll zur Gestaltung einer Erzählung einzusetzen. Die mit Hilfe von Schärfentiefe erzeugte, großzügige Raumgestaltung (wie das berühmte Beispiel des Selbstmordversuches zeigt), der Einsatz der Kamera (Gregg Toland) wie auch die syntagmatische Verbindung einzelner Sinneinheiten (Schnitt: Robert Wise) sind gleichermaßen wichtig. Besonders auffällig neben vielen anderen ästhetischen Mitteln ist das Verfahren der mittelbaren Sicht auf Charles Kane, sei es durch den zu Beginn einsetzenden ‚Film im Film‘ oder aber durch retrospektive Figurenberichte.
Die Naration Kane
Aus erzähltheoretischer Sicht ist diese mittelbare Figurenkonstitution äußerst bemerkenswert. Einerseits wird damit die Subjektivität der Wahrnehmung unterstrichen, zugleich aber auch die Vielschichtigkeit von Kane im Besonderen und die Unhintergehbarkeit des menschlichen Seins im Allgemeinen. Der Zuschauer verweilt am Ende im Unklaren darüber, ob er den wahren Kane kennengelernt hat − wie er von seinen Mitmenschen wahrgenommen wurde − oder aber gerade aus diesem Grund weiterhin vor dem Rätsel Kane steht. Die Schlussauflösung um die Frage nach dem geheimnisvollen Wort „Rosebud“ ist der Auslöser für diesen Zwiespalt, weil er vor Augen führt, dass Kane (und jeder Mensch) Dinge beherbergt, die die Persönlichkeitsfacetten zu erklären imstande wären, die jedoch im verborgenen Teil des Seins schlummern.
Kane heute
Citizen Kane ist thematisch reichhaltig, am Puls der Zeit gedreht und dramaturgisch facettenreich. Er ist auf gleiche Weise unterhaltsam und handwerklich lehrreich. Der heutige Zuschauer mag angesichts der Flut von Neuerscheinungen verzweifeln; es sei ihm daher ans Herz gelegt, dieses wundervolle und rätselhafte Werk anzuschauen und zu erleben, wie es auch 70 Jahre nach seiner ersten Ausstrahlung noch immer nicht seine Wirkung eingebüßt hat.
Quellen:
Citizen Kane (Orson Welles, USA 1941), Arthaus-Classics, Kinowelt Home Entertainment GmbH 2006.
Hahn, Ronald M./Jansen, Volker: Kultfilme. Von ‚Metropolis‘ bis ‚Rocky Horror Picture Show‘, München: Heyne 1985.
