Clemens Heni über "Antisemitismus und Deutschland"

Cover Heni, Antisemitismus und Deutschland - lulu
Cover Heni, Antisemitismus und Deutschland - lulu
Rezension zu Clemens Heni, Antisemitismus und Deutschland. Vorstudien zur Ideologiekritik einer innigen Beziehung, Morrisville: lulu 2009.

Clemens Heni hat sich vor allem durch seine Polemiken gegen das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin einen Namen gemacht. Er warf dem ZfA wiederholt vor, Islamophobie und Antisemitismus gleichgesetzt zu haben und mit einem breit angelegten Ansatz der Vorurteilsforschung den im Holocaust gipfelnden Antisemitismus letztendlich zu verharmlosen. Nun hat Heni unter Beweis gestellt, dass er auch jenseits politischer Polemik in der pseudowissenschaftlichen Halbwelt der Internet- Blogs etwas zum Thema Antisemitismus zu sagen hat. In einer Aufsatzsammlung, die einen sehr langen Zeitraum und recht unterschiedliche Themenbereiche der Forschung abdeckt, geht es Heni um die mentalitätsgeschichtliche Persistenz des deutschen Antisemitismus auch über die Epochenschwelle 1945 hinweg.

Ahasvermythos

Am Anfang des Buches unternimmt der Autor einen kulturgeschichtlichen Blick auf den Ahasvermythos in antisemitischen Bildern seit dem 17. Jahrhundert. Leider verfällt der Beitrag in die übliche Schwäche motivgeschichtlicher Studien, die zu gewagten Kontinuitätsthesen neigen. Mit dem Auffinden gleicher oder ähnlicher Motive ist aber noch nicht der Nachweis einer Tradierung erbracht. Wenig überzeugend ist außerdem die Rede von einer „deutschen Spezifik“. Weder wird deutlich, worin diese Spezifik in Bezug auf den Ahasvermythos eigentlich besteht, noch wird sie durch einen internationalen Vergleich nachgewiesen.

Goldhagen und die Kritische Theorie

Weil er das spezifisch Deutsche am Antisemitismus erkannt habe, preist Heni den Politologen Daniel Goldhagen, gegen den sich die etablierte Historikerzunft in einer (nationalen) Abwehrreaktion verschworen habe. Dabei ignoriert Heni völlig, dass sich die Kritik an der These vom spezifisch deutschen „eliminatorischen Antisemitismus“ an den eklatanten wissenschaftlichen Defiziten von Goldhagens Studie entzündete: Namentlich eine mangelhafte Quellenkritik und unzulässige Verallgemeinerungen auf der Basis pseudomentalitätsgeschichtlicher Annahmen. Das Faktum der Täterschaft „ganz normaler Deutscher“ im Holocaust hat kein ernstzunehmender Kritiker bestritten, wohl aber Goldhagens allzu „billige“ Erklärung dafür.

Bitter beklagt sich Heni, dass nicht einmal die deutsche Linke (wer immer sich hinter diesem Begriff verbergen mag) Goldhagens Thesen verteidigt habe. Dies führt Heni darauf zurück, dass die Linke, wenn überhaupt, ein rein funktionalistisches Verständnis von Antisemitismus entwickelt habe. Selbst die Väter der „Kritischen Theorie“ Horkheimer und Adorno hätten den Antisemitismus nur als Produkt der bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaftsordnung analysiert. Zutreffend kritisiert Heni, dass die Dialektik der Aufklärung (1947) mit diesem universalistischen Ansatz keine Erklärung parat hat, warum der Holocaust nur von Deutschland ausging. Dieses Defizit liegt allerdings allein schon in der Natur des Werkes begründet, das einen philosophischen Denkansatz bietet und keine Geschichte des Antisemitismus, des Dritten Reiches oder des Holocaust.

Der Bund Neudeutschland – Kontinuitäten völkischen Gedankenguts in der katholischen Jugendbewegung

Das mit weitem Abstand beste Kapitel des Buches widmet sich dem 1919 gegründeten und bis heute bestehenden Bund Neudeutschland. Es handelt sich um einen katholischen Ableger der Jugendbewegung, dem christdemokratische Größen der Nachkriegspolitik wie Hans Filbinger, Bernhard Vogel und Rainer Barzel angehörten. Die Jugendbewegung war im Kaiserreich noch ganz überwiegend protestantisch geprägt, und spätestens seit der „Zittau- Affäre“ 1912 erheblich völkisch- antisemitisch durchseucht. Der Bund Neudeutschland hat es geschafft, diesem Verdikt lange Zeit zu entfliehen, indem die katholische Historikerzunft ihn zum Gegner oder gar Opfer des Nationalsozialismus stilisierte. Heni weist hingegen nach, dass der Bund seit jeher im völkischen Fahrwasser schwamm und nach 1933 kaum versuchte, sich von den neuen Machthabern abzusetzen. Die Katholizismusforschung hat sich allzu lange in Immunitätsthese und Widerstandsmythos gesonnt, weshalb sie sich mit der nach 1918 massiv an Bedeutung gewinnenden Fusion von katholischem Fundamentalismus mit völkischem Gedankengut schwer tut. So konnte der Bund Neudeutschland problemlos zu einer partiellen (nicht aber vollständigen, wie Heni behauptet) Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus finden und trotzdem das Ende des Dritten Reiches unbeschadet und ohne ideologische Neuorientierung überstehen.

Sekundärer Antisemitismus in geschichts- und tagespolitischen Diskursen

Bei aller Kritik an dem Zäsurcharakter von 1945, konstatiert auch Heni, dass sich zumindest die Artikulationsweise von Antisemitismus verändert habe. An die Stelle von unmittelbaren Angriffen auf die Juden seien subtilere, indirekte Strategien der Feindmarkierung getreten, die vor allem in geschichts- und tagespolitischen Debatten zum Einsatz kämen. Heni analysiert hier diskursive Strategien wie Derealisierung, Universalisierung, Relativierung, Trivialisierung, Schuldprojektion. Manche von ihm gewählten Beispiele sind allerdings problematisch, weil der Autor den vermeintlich intendierten antisemitischen Konnotationen mehr Bedeutung zumisst als den eigentlichen Aussageabsichten der verschiedenen Quellen.

Gerade weil der sekundäre Antisemitismus aufgrund der Diskreditierung durch Nationalsozialismus und Holocaust gezwungen ist, sich in Form und Inhalt vom klassischen Antisemitismus abzusetzen, muss die Forschung transparente Kriterien verwenden, um nachzuweisen, wo und wie Antisemitismus tatsächlich in Erscheinung tritt. Solche Diskursregeln haben z.B. Klaus Holz und Thomas Haury entworfen und in ihren Studien erfolgreich angewandt. Heni tut das nicht und streut den Antisemitismusvorwurf nach dem Gießkannenprinzip aus.

Fazit

Innovativ und für die fachwissenschaftliche Forschung relevant sind in Henis Aufsatzsammlung nur die Infragestellung der Zäsur von 1945 und der Blick auf Kontinuitäten völkischen Denkens bis in die frühe Bundesrepublik hinein. Hier gibt es in der Antisemitismusforschung in der Tat Defizite. Insgesamt ist Henis Buch jedoch eher geschichtspolitisch als geschichtswissenschaftlich ausgerichtet, vor allem was die fanatische Beschwörung einer „deutschen Spezifik“ angeht, die in Ermangelung einer international vergleichenden Perspektive an keiner Stelle in Art und Umfang sachgerecht analysiert werden kann. Die Vertreter der so genannten „antideutschen Linken“ werden mit Henis Werk sicherlich mehr anfangen können als der durchschnittliche Historiker.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

rss