Clint Eastwoods Schlacht um Iwo Jima aus zwei Perspektiven

Ausschnitt aus
Ausschnitt aus "Flags of our Fathers" - Benjamin Rossa
2006 drehte Clint Eastwood zwei Filme über die Schlacht von Iwo Jima im 2. Weltkrieg. Beschreibung eines übersehenen Filmexperiments und Meisterwerks.

Kriegsfilme, die nicht den 2. Weltkrieg in Europa betreffen, haben oft nur schlechte Chancen an den deutschen Kinokassen. Da bildeten auch "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" keine Ausnahme. Lediglich der letzte Film wurde Anfang 2007 überhaupt in den Kinos Deutschlands gezeigt, jedoch auch nur mit Untertiteln und sehr geringem Erfolg. Das ist äußerst schade, weil noch nie zuvor eine Schlacht so unterschiedlich perspektivisch dargestellt wurde wie in Clint Eastwoods Doppelwerk über Iwo Jima.

Hintergrund

Die Schlacht um die Vulkaninsel Iwo Jima wurde zwischen Japan und den USA ausgetragen und fand Februar bis Ende März 1945 im Westpazifik statt. Die Insel hatte eine enorme strategische Bedeutung, denn von ihr aus konnten Bomber bis zu den japanischen Hauptinseln fliegen. Die Amerikaner setzten also alles daran, Iwo Jima schnell unter ihre Kontrolle zu bringen. Tatsächlich war diese Schlacht eine der verlustreichsten im 2. Weltkrieg für beide Seiten, mit fast 7.000 toten und 19.000 verwundeten Amerikanern sowie über 21.000 toten Japanern. Berühmt wurde diese Schlacht vor allem wegen eines Fotos, welches die (gestellte zweite) Hissung der amerikanischen Flagge auf dem Berg Suribashi der Insel zeigt.

Produktion

Ursprünglich plante Eastwood nur einen Film über Iwo Jima aus Sicht der Amerikaner. Als jedoch 2005 vergrabene Briefe japanischer Soldaten auf der Insel gefunden wurden, entstand schnell genug Material, um den Konflikt um Iwo Jima in zwei Filmen darzustellen, und je ein Film würde dabei die Sicht einer der beiden beteiligten Nationen darstellen. Gedreht wurden die Filme auf Island, da es undenkbar war, auf der echten Insel Iwo Jima eine Dreherlaubnis zu erhalten. Die Überreste tausender japanischer Soldaten liegen dort noch immer unentdeckt. Das Drehen der Szenen fand nahezu zeitgleich statt, wobei sozusagen zwei verschiedene Darstellerensembles aus den USA und Japan dauernd bereit standen.

Inhalt von "Flags of our Fathers"

In diesem Film zeigt Clint Eastwood die Sicht der Amerikaner auf die Schlacht. Dabei konzentriert sich die Handlung vorwiegend auf die Erlebnisse jener US-Soldaten, die die gestellte Fahne auf dem Suribashi, dem höchsten Berg der Insel, hissen. Danach geht es für die überlebenden Soldaten zurück in die USA, wo sie an einem absurden Werbemarathon teilnehmen müssen. "Flags" begleitet drei Männer auf ihrer Tour durch die USA, während Rückblenden davon erzählen, wie all die anderen Kameraden auf Iwo Jima umgekommen sind.

Inhalt von "Letters from Iwo Jima"

In "Letters" wird die japanische Sicht der Dinge erzählt. Hauptakteure dieses Films sind die reale Figur des Generals Tadamichi Kuribayashi, welcher das Oberkommando über die Insel hatte, sowie der fiktionale Charakter des Saigo, ein einfacher Bäcker, welcher von Zuhause in den Krieg beordert wurde. Geschildert werden die Vorbereitungen der Schlacht, Spannungen und Meinungsverschiedenheiten zwischen den Japanern sowie die eigentliche Schlacht. Bis zum Ende wird gezeigt, wie sich die Japaner, getrieben von Stolz, Fanatismus, aber auch Heimweh verteidigen. Bis ihnen das Wasser und die Munition ausgeht.

Schnittpunkte und Perspektiven

Es ist sehr empfehlenswert, sich "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" hintereinander anzuschauen, da man so am ehesten den Reiz verspürt, ein und dieselbe Schlacht aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beobachten:

Es gibt nur eine große Einstellung, die in beiden Filmen vorkommt, sozusagen die eine ultimative Schnittstelle zwischen den Filmen: Das ist der Moment, in der die Kamera rückwärts über die landende Streitmacht der US-Soldaten am Strand von Iwo Jima fährt, während Kampfflugzeuge wachsam über dem Geschehen kreisen. Beide Filme beinhalten diese Einstellung (siehe Bild unten).

Darüber hinaus gibt es noch eine ganze Reihe weitere "gemeinsamer" Ereignisse, die der Zuschauer allerdings aus unterschiedlichen Blickwinkeln erleben darf. Hier nur einige Beispiele:

  • In "Flags" beobachten die US-Soldaten von den Schiffen aus die Bombardierung der Insel mit Kommentaren wie: "Wir knallen sie ab, Doc!" Währenddessen hören die japanischen Soldaten in "Letters" das Bombardement in ihren Tunneln und versuchen, nicht den Verstand zu verlieren, als ihnen haufenweise Geröll von der Decke auf die Köpfe fällt.
  • Bei der Stürmung des Strandes blickt man in einem Film einem US-Soldat mit seinem Flammenwerfer über die Schulter, als er ein japanisches MG-Nest ausräuchert. Im anderen Film sieht man durch die Augen eines Japaners, wie die Flammen den Betrachter quasi anspringen, bevor die brennenden Opfer des Flammensturms nach draußen hasten und die Gnadenschüsse erhalten.
  • In "Flags" entdecken US-Soldaten in einer Höhle zerfetzte Leichen von Japanern. In "Letters" sieht man, wie diese Selbstmord begehen, indem sie sich entsicherte Granaten dicht vor ihre Körper halten.
  • Die gehisste amerikanische Flagge auf dem Suribashi ist in "Flags" hautnah zu bewundern (die erste und die zweite), während der japanische Kommandant Kuribayashi in "Letters" diese Fahne aus der Ferne erblickt.

Fazit

Geht es um die Frage, welcher der beiden Filme der Bessere ist, so ist das wohl "Letters from Iwo Jima". Tatsächlich war der Film auch Oscar-nominiert. Der Grund für die bessere filmische Qualität gegenüber "Flags of our Fathers" ist der, dass die Handlung in "Letters" vielmehr auf die Schlacht um Iwo Jima selbst fokussiert ist, von Anfang bis Ende. Verglichen damit verliert sich die amerikanische Sicht der Dinge hier etwas zu sehr im Nachspiel der Schlacht, wo das Geschehen auf der Insel oft nur in Rückblenden dargestellt wird.

Trotzdem kann gesagt werden, dass das beste Resultat durch das Erleben beider Filme zusammen erzielt wird. Das Konzept, eine Schlacht aus zwei Perspektiven zu drehen und dafür gleich zwei komplette Filme zu produzieren, hat es in dieser Größenordnung noch nie gegeben. Auf alle Fälle hat Clint Eastwood eine denkwürdige Regieleistung über den 2. Weltkrieg abgegeben, die für künftige (Anti-)Kriegsfilme durchaus als Vorbild oder Inspiration gelten könnte.

Quellen: