Die Fotografien im Obergeschoss sind irritierend. Auf den ersten Blick üben sie eine gewisse Faszination aus. Aber die schlägt sogleich in eine Verstörung um. Der Betrachter sieht eine grün changierende Naturlandschaft, die mit surrealen Reizen gesättigt ist. Kleine schwarze Rinnsale schieben sich mäandernd über eine Oberfläche. Die schwarze Fläche scheint sich wie ein Moloch in die vermutete Vegetationslandschaft hineinzubohren. Die scharfen Farbkontraste und sensiblen Übergänge erinnern an die Höhepunkte der abstrakten Malerei. Leider handelt es sich bei dem Foto um eine Submerged Pipeline, um die bekannte Ölpest im Golf von Mexiko, fotografiert am 24. Juni 2010. Diese Explosion einer Ölbohrplattform war eine Naturkatastrophe, die, nachträglich aus sicherer Höhe fotografiert, auch einen ästhetischen Zauber auszulösen vermag. Das mag ein wenig bedenklich klingen – aber die Kunst hatte noch nie viel mit Moral zu tun. Genau darum geht es in den Fotografien von Edward Burtynsky – um das Wechselspiel zwischen Anziehung und Abstoßung.

Kampf um Energiegewinnung

Fotos aus der Froschperspektive würden naturgemäß einen gänzlich anderen Eindruck vermitteln. Schließlich haben, wie Edward Burtynsky betont, im Zuge der Erdölgewinnung gewaltige Wirtschaftsunternehmen ganze Landstriche unwiderruflich verändert, um nicht zu sagen: verwüstet. Und der Kampf um schnelle Energiegewinnung wird von vielen umweltorientierten Menschen als Gefährdung ihrer Existenz empfunden. Aus diesem Grund hat der 1955 geborene Fotograf, der heute in Toronto lebt und arbeitet, Bilder aus dem aserbaidschanischen Baku geliefert, wo gleichsam verweste Fördertürme auf einem Brachland herumstehen, umflossen von einer schwarzen Brühe. Wer eine Ästhetik des Verfalls zu schätzen weiß, wird, aus einer gesicherten Distanz heraus, auch an diesen traurigen Hinterlassenschaften Geschmack finden. Noch ein wenig grausamer wird es bei kalifornischen Ölfeldern: unzählige Bohrtürme reihen sich aneinander wie abgewrackte Guillotinen. Dagegen nehmen sich die hiesigen Windräder wie robuste, ansehnliche Kraftmaschinen aus. Eindrucksvoll ist immerhin der Flugzeugfriedhof AMARC (Aerospace Maintenance and Regeneration Center). Die stillgelegten Flieger der US-Luftverteidigung sind so ordentlich aufgestellt, als dienten sie zur Repräsentation bei einer Militärparade.

Ästhetische Verklärung

Die Bereiche Transport und Logistik sind völlig von der Erdölindustrie abhängig: ohne den Treibstoff würden die meisten Räder stillstehen. Vermutlich hat die Highway von Los Angeles im Innern des Fotografen eine latente Bezauberung hervorgelockt. Aus der Luft sind verknotete Seile zu erkennen, Straßen, die sich überlappen, Schleifen bilden und wieder auseinanderlaufen. Bei dieser Ansicht erfährt die Gigantomanie einer verkehrstechnisch voll ausgelasteten Großstadt eine artifizielle Verklärung, die sich aber in einen zarten Schrecken verwandelt, wenn man sich die Folgen dieser Hochtechnisierung vor Augen hält. Ein weiterer Friedhof ist zu sehen, diesmal sind es Autoreifen, die wie wärmesuchende Insekten als Schrottmaterial aufeinandergetürmt sind. Reifen werden bekanntlich aus Kautschuk hergestellt – Burtynsky hat bislang noch keine Kautschuk-Serie ausgestellt und Öl spielt bei der Reifenproduktion nur eine geringfügige Rolle -, doch die Quintessenz ist eindeutig: Öl erzeugt leider eine Menge Abfall, wahre Trash-Berge. Was allerdings die meisten Betrachter wirklich kalt lassen mag, ist die Innenansicht einer kanadischen Raffinerie. Das ist ein Anblick spröder, entseelter Technik, über die man flüchtig hinweggeht. Dennoch ist diese Ausstellung, die von Edward Burtynsky bescheiden als „Anmerkungen eines Künstlers“ bezeichnet wird, ein kleines Erlebnis.

Edward Burtynsky

Oil

C/O Berlin, Oranienburger Straße 35/36, 10117 Berlin-Mitte

Ausstellung (im Obergeschoss): 27 Juli – 9. September 2012

Bildnachweis: © C/O Berlin/Wikimedia Commons