Die von Felix Hoffmann im C/O Berlin kuratierte Fotoausstellung, die am 10. September begann, zeigt dramatische Bilder mit sofortigem Wiedererkennungseffekt. Relativ nah sind noch die Ereignisse vom Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001. Die Bilder und filmischen Szenen haben sich ins Gedächtnis dermaßen eingegraben, dass bei einer erneuten mediale Abrufung der gesamte Katastrophen-Komplex übergangslos präsent ist. Schwieriger wird es bei den Anschlägen in München 1972, die weiter zurückliegen und nicht mehr eine solche Verankerung im Gehirnspeicher besitzen. Ein vermummter Terrorist auf einer Plattform. Richtig, dieses Bild erschien in den Nachrichten und war der Aufmacher einer 1972er ZEIT-Ausgabe. Noch komplizierter wird die Zuordnung der Kriegsbilder von Anja Niedringhaus: ihre in etlichen Zeitschriften und Magazinen veröffentlichten Fotos umspannen die medial relevanten osteuropäischen und vorderasiatischen Kriegsschauplätze der letzten 10 Jahre.

Der Terror bei der Münchner Olympiade 1972

In München hat alles begonnen. Nicht, dass es zuvor keine vom Fernsehen begleitete Anschläge gegeben hätte. Aber die palästinensischen Angriffe auf das israelische Olympia-Team erreichten deshalb eine solche Dimension, weil sie vor den Augen der Welt passierten und via Fernsehen ins Wohnzimmer geliefert wurden. Der Terror hatte ein neues Ausmaß angenommen, nicht qualitativ, sondern quantitativ: die Massenmedien wurden zu ungewollten Instrumenten der Terroristen. Die Mittel dieser neuen Kommunikationsstrategie wurden voll ausgeschöpft, übers Fernsehen wurde um Sympathisanten geworben. Die sich formierende Gegnerschaft war einkalkuliert, sie spielte keine Rolle. Raymond Depardon hat das riesige Aufgebot an Kameraleuten vor dem Olympischen Dorf, wo die israelischen Teilnehmer in Geiselhaft gerieten, in einem Bild festgehalten. Neben weiteren Bildern über das Medienspektakel, das einen ungeahnten Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit einläutete, ist auch ein Video zu sehen, bei dem die Affäre um die Geiselnahme nachgestellt wurde. Das gewaltige Bildarchiv des SPIEGEL ist bei dieser Ausstellung eminent hilfreich.

Die Fahndungsplakate der 70er Jahre

Hinzu kommen noch einige Aufnahmen, die sich um die martialischen, öffentlichkeitsgierigen Kraftakte der RAF ranken. Ein Foto zeigt den liquidierten Benno Ohnesorg, ein Ereignis, das für eine politische Bewegung die Ouvertüre bildete, um in den Untergrund zu gehen. Für Menschen, die in den 70er Jahren in Westdeutschland lebten, bildeten die damaligen Fahndungsplakate einen Teil ihres Lebens, ob sie wollten oder nicht. Die Abbildungen von Susanne Albrecht, Adelheid Schulz, Brigitte Mohnhaupt und Jan-Carl Raspe – sie tauchten immer wieder auf, im Fernsehen, in Zeitungen oder auf Plakaten in öffentlichen Einrichtungen. Ulrike Meinhof und Andreas Baader verschwanden nur deshalb bald in der Versenkung, weil sie frühzeitig geschnappt wurden. Neben den Fahndungsfotos zeigt die Ausstellung eine Serie von Personen, die aus Mördern, Spionen und Terroristen zusammengestellt wurde. Die Gesichter sehen friedlich aus, es könnte sich auch um eine Bibelgruppe handeln: ein Beweis dafür, dass bösartige Gedanken oder gar Verbrechen nicht in eine Physiognomie eingeschrieben sind.

Thomas Hoepkers Blick auf Manhattan

Ein besonders aufsehenerregendes Bild ist das von Thomas Hoepker. Beinahe ein Skandalbild, über das in den Staaten viel diskutiert und gestritten wurde, unter anderem auch im Internet. Der „Blick von Williamsburg auf Manhattan“ zeigt eine Gruppe plaudernder Menschen vor dem Hintergrund der von Wasser umtosten Manhattan Bridge und – des brennenden World Trade Center. Ein privates Idyll inmitten einer Katastrophe? Dem Fotografen wurden Geschmacklosigkeit, Verzerrung und Anti-Amerikanismus vorgeworfen. Um zu zeigen, dass durch die Retuschierung eines Bildes ein völlig anderer Eindruck entstehen kann, wurde der aufsteigende Qualm herausgenommen und der unbefleckte Gebäudekomplex präsentiert. Wer nach dem Betreten des Ausstellungsraumes auf die rechte Seite blickt, sieht die Personengruppe vor dem New Yorker Welthandelszentrum ohne Anschlag, wie geschaffen für ein unbeschwertes Postkartenmotiv. Bei all diesen Bildern wird deutlich: sie halten mehr als nur ein bestimmtes Schreckensereignis fest. Sie generieren neue Inhalte, quasi eine zweite Wirklichkeit neben der ursprünglichen. Dies zu zeigen, ist eine der Absichten der Ausstellungsmacher.

Fotografische Härtefelle

Im 1. Stock wird forciert, eine weitere Dimension des Schreckens hinzugesetzt. Vor dem letzten Raum befindet sich der Hinweis, dass möglicherweise die Empfindungen der Besucher verletzt werden könnten. Auf einer Wand sind blutige Bilder von lädierten Gesichtern, abgerissenen Köpfen und Oberkörpern ohne Arme und Beine zu sehen. Mittlerweile aber sind die Betrachter durch langes mediales Training so abgehärtet, dass derartige Anblicke kein Abscheu mehr hervorrufen. Angesichts derartiger Schreckenszeugnisse kann keine Sympathiewerbung mehr stattfinden. In der Regel werden Extrembilder von verunstalteten, entstellten Opfern weder im Fernsehen noch in Zeitschriften zur Schau gestellt.

Kriegsbilder von Anja Niedringhaus

Die Fotografin begibt sich aus professionellen - und freiwilligen - Gründen an Schauplätze, die wegen ihres Gefahrenpotenzials zu Grenzerfahrungen heranwachsen. Ihre in Fotos festgehaltene Kriegsberichterstattung reicht von Gebieten des Ex-Jugoslawien bis nach Afghanistan, Israel und Libyen. Ihr gelingen dabei vielsagende Aufnahmen: eine kopfbetuchte Muslima mit angstgeweiteten Augen schiebt ihr Kind nervös über die Straße. In einer Atmosphäre psychischer Hochspannung zeigen sich individuelle Strapazen, Angst und Isolation, mitunter aber auch Hoffnung und Erleichterung. Kämpferische, aus dem Staub hervorgetretene Soldaten stehen einer eingeschüchterten Zivilbevölkerung entgegen, die den dramatischen Zuständen hilflos ausgeliefert ist. Der bewaffnete Widerstand der Soldaten wird von den Kindern nachgeahmt: auf einem Bild hält ein afghanischer, Karussell fahrender Junge eine Spielzeugwaffe in der Hand und deutet einen Schuss an. Insgesamt legen Niedringhaus’ Bilder ein beredtes Zeugnis ab von den existenzgefährdenden Verstrickungen, denen die Beteiligten in den Krisengebieten nicht entrinnen können.

C/O Berlin

Oranienburger Straße 35/36

10117 Berlin

Ausstellung vom 10. September bis 4. Dezember 2011

Bildnachweis: © C/O Berlin