Coca, wundersame Heilpflanze oder Droge?

Evo Morales verteidigt die Coca-Pflanze - Telegraph.co.uk
Evo Morales verteidigt die Coca-Pflanze - Telegraph.co.uk
In den Anden wird Coca - deutsche Schreibweise: Koka - traditionell als Heilpflanze verwendet. Doch Coca ist auch Basis für Kokain.

Ein Raunen geht durch die UN-Suchtstoffkommission, als Boliviens Präsident Evo Morales am Rednerpult plötzlich ein kleines grünes Blatt in die Höhe hält: ein Coca-Blatt. „Dies ist keine Droge“, sagt er herausfordernd. „Dies ist ein Blatt.“ Und er steckt es sich demonstrativ in den Mund und beginnt zu kauen – zögerlicher Applaus im Saal.

Evo Morales ist einer der populärsten Befürworter der Coca-Pflanze, war er doch selbst vor seiner Wahl zum Präsidenten ein Coca-Bauer. Doch seine Argumente werden auch von anderen geteilt. In Südamerika ist das Coca-Blatt weit verbreitet, in Europa und den USA ist die Einfuhr verboten, wird die Pflanze gar mit ihrem Derivat Kokain gleichgesetzt.

Coca – eine Pflanze mit Tradition

Der Cocastrauch (mit wissenschaftlichem Namen (Erythroxylum coca) ist an den Osthängen der Anden verbreitet, dort, wo reiche Niederschläge in rund zweitausend Metern Höhe für üppige Vegetation sorgen. Vor allem in Kolumbien, Peru und Bolivien boomt der Coca-Anbau. Seit Jahrhunderten werden getrocknete Coca-Blätter von der Andenbevölkerung gekaut – nicht ohne Grund.

Das Coca-Blatt und seine Inhaltsstoffe

Denn die kleinen grünen Blätter sind wahre Nährstoffbomben. So reichen 100 Gramm Coca-Blätter aus, den täglichen Bedarf an einigen wesentlichen Spurenelementen zu decken: Sie enthalten Calcium, Eisen, Phosphor sowie Vitamin A. Vor der Ankunft der Spanier gab es in Lateinamerika keine Milchwirtschaft – ihren Calciumbedarf deckten die Indigenen hauptsächlich mit Coca-Blättern.

Coca, das Wundermittel

Die Coca-Blätter enthalten auch Alkaloide – allerdings zu einem verschwindend geringen Anteil von knapp einem Prozent. Die Andenbevölkerung kaut Coca-Blätter zudem gemeinsam mit etwas Kalk – das nimmt den Alkaloiden jede Fähigkeit zur Suchterzeugung. Schon in der Kolonialzeit ließen die Spanier ihre indigenen Minenarbeiter Coca konsumieren, da es die Arbeitsleistung steigerte.

Heute gilt Coca im Andenraum quasi als Wundermittel für und gegen alles, nicht nur in der Reinform als getrocknete Blätter zum Kauen, sondern vor allem als „Mate de Coca“, ein Teeaufguss aus Coca-Blättern. In peruanischen Supermärkten gibt es sogar fertige Coca-Teebeutel verschiedener Marken zu kaufen. Coca hilft bei Kopfschmerzen und Magenproblemen – und gerade überforderten Touristen bei der Bewältigung der Höhenkrankheit.

Coca und Kokain

Doch Coca bildet auch die Grundlage für Kokain – und das ist bekanntlich eine Droge. Genaugenommen ist Kokain ein Bestandteil der Alkaloide im Coca; um es aus den Blättern zu isolieren, sind jedoch recht aufwändige Prozesse nötig und vor allem: Eine große Menge an Coca-Blättern.

In Kolumbien, wo rund 54 % des weltweiten Coca-Ertrags angebaut werden, ist die Nähe zur Narco-Mafia besonders groß; vor allem die USA fordern ein vehementes Bekämpfen der Coca-Populationen. Ironischerweise weisen Kritiker gern darauf hin, dass die USA auch der Hauptabnehmer für Coca und Kokain sind. Und im Coca-Museum im bolivianischen La Paz ist man besonders stolz auf die Tatsache, dass das Kultgetränk Coca Cola noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein tatsächlich Coca enthielt.

Coca – Droge oder nicht?

Nicht einmal einen Teebeutel darf man aus Südamerika nach Europa einführen – allerhöchstens eines der T-Shirts, die auf jedem Touristenmarkt zu haben sind: „La hoja de coca no es droga“, das Coca-Blatt ist keine Droge, heißt der immer öfter proklamierte Slogan. Auch Evo Morales benutzt ihn, differenziert aber genau zwischen Coca und Kokain.

Coca als Pflanze ist für ihn andines Kulturgut, das es zu beschützen gilt – die unzähligen Touristen, die sich Tag für Tag in der dünnen Luft der Anden die Höhenkrankheit soroche einfangen und mit einer Tasse mate de coca lindern müssen, werden es ihm danken.

Sabrina Zelezny, Sabrina Zelezny

Sabrina Železný - " ... volando vengo, volando voy deprisa, deprisa al rumbo perdido ..." (Manu Chao) Ich wurde 1986 geboren und schreibe, seit ich ...

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