
- Colin Forbes - Die Schlucht - Heyne Verlag
Ein grausiger Mord ruft das Team um den britischen Geheimdienstleiter Tweed auf den Plan. Nachdem sich eine rastlose neue Klientin von unheimlichen Häschern verfolgt glaubt, werden zwei brutal zugerichtete Frauenleichen nahe ihres Wohnortes gefunden.
Die Agenten Tweeds, die zuerst von einem Routine-Mordfall ausgehen, werden schnell eines Besseren belehrt. Die Spur führt ins englische Hinterland auf das Schloss einer alten Adelsfamilie, die sich zuerst wenig kooperativ zeigt. Nachdem Tweed auf mehrere ungeklärte Morde in der Vergangenheit stößt und auf die finsteren Machenschaften des Großindustriellen Neville Guile, befindet sich das eingespielte Agententeam bereits in einem neuen Fall. Da wird ein Mordanschlag auf Tweed verübt …
"Die Schlucht" - Tweeds Agenten treffen im Hinterland auf Mörder und Attentate
"The Savage Gorge", so der englische Originaltitel des letzten Romans von Colin Forbes (1923 bis 2006), erschien wenige Monate nach dessen Tod. Noch wenige Wochen vor seinem Ableben übergab er das fertige Manuskript im Sommer 2006 seinem Verlag Simon & Schuster UK Ltd. in London.
Und nicht nur an einem Handlungsstrang setzt Forbes an seinen Vorgängerroman "The Main Chance" (2005, dt. "Todeskette") an, sondern „Die Schlucht“ gleicht dem vorherigen Werk in vielen Elementen. Ein Mord führt auf ein abgelegenes Landschloss und zu einem finsteren Bösewicht mit wirtschaftlichen Interessen, der sogleich mit zahlreichen düsteren Handlangern Jagd auf Tweeds Agententeam macht – und ein feiger Mörder im Familienkreis zieht im Hintergrund die Strippen.
Furiose Kämpfe und Actionsequenzen im idyllischen englischen Landleben
Doch während der Vorgängerroman zeitweise zu einem Adelskrimis geriet, so zog Forbes die Zügel in der "Schlucht" deutlich an und bietet seinen Lesern mehr Action und Spannung, auch wenn die Kulissen eines mondänen, altertümlichen englischen Dorfes mit seinen skurrilen Einwohnern bisweilen an alte High-Society-Krimis von Agatha Christie, Edgar Wallace oder Patricia Highsmith und an die populäre zeitgenössische TV-Serie "Inspector Barnaby" erinnern.
Aber Colin Forbes liebt die Beschaulichkeit seiner englischen Landschaften und konfrontiert seine Leser gerne mit den Eigenheiten dieser Gegenden und seiner Einwohner – was seinen sonst eher von aktuellen politischen Themen und harter Action geprägten Romane einen ruhigen Gegenpol und einen zeitweise surrealistischen Anstrich verleiht.
Nicht umsonst assoziiert man mit Forbes Werken, in denen manchmal die Zeit stehen zu bleiben scheint, englische TV-Kultserien aus den 1960er Jahren wie "Mit Schirm, Charme und Melone" oder "Simon Templar" - und natürlich das luxuriöse Umfeld der englischen Oberschicht, Playboys und Hedonisten aus Ian Flemings James-Bond-Romanen und deren weltbekannter Verfilmungen.
Colin Forbes - aktuelle, packende Themen und idyllische Landschaften
Trotz aktueller politischer Hintergründe in seinen Romanen der letzten Jahre wie islamistischen Terroranschlägen, Internet-Terrorismus, Polizeigewalt ("Komplott"), der Finanzkrise - oder wie hier der Energiekrise und Umweltthemen - fühlt man sich in Forbes Romanen eher in die Zeit des Kalten Krieges der 1960er Jahre versetzt, würde nicht ab und zu ein Handy klingeln oder ein modernes technisches Gerät auftauchen.
Colin Forbes beschwört in "Die Schlucht" zum letzten Mal den edlen, antiquierten Lebensstil seiner Geheimagenten zwischen Edelmahlzeiten, teuren Alkoholika, adligen Dinnerparties und opulenten Luxussportwagen. Zum Team zählen neben dem intellektuellen, humorlosen Tweed seine charmante Assistentin Paula Grey, der schweigsame Scharfschütze Marler, der amerikanische Ex-Journalist und Playboy Robert Newman und die Waffenspezialisten und Sprengstoffexperten Harry Butler und Pete Nield.
Und wenn Marler und Grey mit Fahrerhauben verkleidet in einem Sport-Cabrio eine letzte rasante Spritztour durch die saftigen grünen Hügel des englischen Hinterlandes starten, steigt sicherlich einigen von Forbes Fans eine nostalgische Träne in die Augen. 34 Romane zählt sein literarisches Vermächtnis, davon 24 zwischen 1982 und 2006 mit dem Agententeam um Tweed. Von neuen Romanen aus seinem Vermächtnis oder gar neu geschaffenen Werken im Stile von Robert Ludlums Nachautoren ist bisher nichts bekannt.
Colin Forbes: Die Schlucht. Heyne Verlag 2011. Broschiert, 300 Seiten. 8,99 Euro.
