
- Dachstuhl der Colombier Abbaye de Mortemer, Eure - jean luc bohin©Fotolia.com
Wer durch die Normandie reist, trifft an der einen oder anderen Stelle in der Nähe von herrschaftlichen Häusern auf massive, gedrungene, fast fensterlose Türme und hat sich vielleicht das eine oder andere Mal gefragt, was es damit auf sich hat. Es handelt sich dabei um eine Besonderheit der französischen Feudalarchitektur: um herrschaftliche Taubenhäuser, im Französischen 'Colombier' (abgeleitet vom römischen ‚columbarium’) oder auch 'Pigeonnier' (Pigeon = Taube) genannt.
Die Taubenzucht, die uns heute eher als Beschäftigung des kleinen Mannes geläufig ist, hat eine lange Geschichte und war im mittelalterlichen Europa, besonders aber in England und Frankreich, ein Vorrecht, das dem Adel vorbehalten und durch Regeln und Dekrete geregelt war. Nur der Adel durfte Tauben besitzen, halten und züchten. Und natürlich war es den Bauern strengstens verboten die Tiere zu töten, auch wenn sie ihnen die Saat wegfraßen. Die Taubenhäuser waren also Symbole von Macht und Reichtum. Das Taubenhaus war/ist oft das einzige Unterscheidungsmerkmal zwischen einem herrschaftlichen Anwesen und dem eines reichen Bauern.
Geschichte
Die ältesten bekannten Taubenhäuser findet man in Oberägypten und dem Iran. Bereits in altägyptischer Zeit wurde die domestizierte Form der Felsentaube in eigens dafür errichteten Taubenschlägen gehalten. Die Haltung der Tauben wurde durch die Römer in Zentraleuropa und in Nordafrika verbreitet. Das römische columbarium (abgeleitet von 'Columba livia', der Felsentaube) ist die erste überlieferte Bauform eines Taubenschlags. Taubenschläge dienten in erster Linie zur Produktion von wertvollem Dünger, der auch exportiert wurde und erst danach zur Nahrungserzeugung und Zucht von Brieftauben.
Im europäischen Mittelalter wurden Taubenschläge erstmals als große freistehende Gebäude auf herrschaftlichen und klösterlichen Geländen gebaut. Ihr Betrieb war lukrativ, bedurfte daher auch der Genehmigung durch den König. Taubenzucht war eine vergnügliche Angelegenheit des Adels und die Tauben beliebte Köstlichkeiten auf den Tafeln der Könige, geschätzt als fliegende Boten. Dieses Klassenprivileg wurde erst mit der Französischen Revolution abgeschafft und die darauf hin 'heimatlosen' Tauben zogen den Zorn der Bauern auf sich, weil sie sich über die Ernte hermachten. Besonders im Winter wurden sie für die arme Bevölkerung die einzige Alternative zu getrocknetem Fleisch.
Die Taube und ihre Haltung
Der gelehrte Römer Varro beschreibt in seinen Aufzeichnungen, dass man ursprünglich zwei Arten von Tauben hielt, die beide von der Felsentaube abstammen: einerseits die Feldtaube, eine halbwilde scheue Art, die zwar in Türmen und anderen hohen Teilen des Landhauses wohnt, sich aber auf dem Feld nach Belieben selber ihr Futter sucht und andererseits die zahme, zutrauliche Haustaube, die sich mit dem im Haus gereichten Futter begnügt. Zu Zeiten Varros soll es Taubenhäuser gegeben haben, in denen bis zu 5000 Tiere gehalten wurden.
Die zahme Haustaube, wie wir sie kennen, stammt von der Felsentaube ab, die ausschließlich in felsigen Höhlen brütet. Dieser Eigenschaft wird in Taubenhäusern Rechnung getragen: Das Taubenhaus hat in jedem Fall eine gewölbte Decke, eine enge Tür und mit Netzwerk überzogene Fenster, durch die zwar Licht einfallen kann, aber durch die keine Schlangen und anderes Ungeziefer eindringen können. Die Innen- und Außenwände sollten möglichst glatt sein, damit weder Mäuse noch Eidechsen hinein und hinauf können; denn Tauben sind sehr scheu und brüten nur in Nisthöhlen, in denen sie sich sicher und wohl fühlen. Für jedes Paar wird eine eigene Nisthöhle (Boulin) hergestellt. Es muß reines Wasser ins Taubenhaus fließen, das zum Trinken und Baden dient. (Quelle)
Einerseits nutze man die Tiere als Fleisch- und Eierlieferanten, aber auch der Taubenmist wurde zur Düngung der Felder verwendet.
Die Architektur
Die Architektur der Taubenhäuser in der Normandie ist vielfältig: mal rund, mal vier- oder achteckig, meist mit Kegeldach und in jedem Fall kunstvoll verziert, sei es mit Fachwerk oder Bänderkeramik. Die einerseits trutzigen, massigen Türme wirken durch die kunstvollen Verzierungen und Muster aus Feuerstein, Backstein, Sandstein und/oder Fachwerk dennoch elegant. Die Dächer sind gedeckt mit Ziegeln oder Schiefer, selten auch mal mit Schilfrohr (Bosville) und haben Oberlichter (Lukarnen), aus denen die Tauben aus- und ein fliegen konnten. Die bleiernen Firstverzierungen dienten in erster Linien den Tauben zum Ausruhen. Innen befindet sich ein Holzgerüst mit einer schwekbaren Leiter, um auch die höchsten Nester erreichen zu können. Über dem möglichst kleinen Eingang (damit die Tauben hier nicht entweichen konnten) ist in der Regel das herrschaftliche Wappen angebracht.
Die Straße der Taubenhäuser in der Normandie
Auch wenn während der Französischen Revolution viele Taubenhäuser als verhasstes Symbol der privilegierten Klasse zerstört wurden, ist dennoch eine Vielzahl von ihnen erhalten geblieben und gehören heute zu den interessantesten Sehenwürdigkeiten der Normandie. Man trifft zwar immer wieder auch zufällig entlang der Reiserouten auf sie, wer sich aber gezielt dafür interessiert, kann
in der Haute Normandie zwischen der Hafenstadt Dieppe und Rouen die historische Straße der Taubenhäuser (ausgeschildert als 'Route des Colombiers') bereisen. Die landschaftlich schöne ausgeschilderte Strecke führt ausgehend von Veulette-sur-Mer unter anderem durch das idyllische Flußtal der Durdent: das Manoir de Vertot in Bennetot (runder Ziegelstein-Turm), das Château de Bailleul in Angerville (Renaissance-Schloss aus dem Jahr 1543), Bosville, das Manoir d’Auffay (1470 Nisthöhlen) in Oherville, in dem sich auch ein Taubenhaus-Museum befindet, die ‚Pigeonnier de Grainville-La-Teinturière’, das Taubenhaus von Petit Veauville in Héricourt-en Caux, das Château de Cany in Cany-Barville, das Château d’Estouville in Valmont sind nur einige Stationen auf der 'Straße der Taubenhäuser'.
Eines der schönsten und größten Colombiers steht auf dem Gelände des Manoir d’ Ango im Städtchen Varengeville-sur-Mer. Das geräumige Herrenhaus, Mitte des 16. Jahrhunderts im Stil der italienischen Renaissance errichtet, ist zwar nur von außen zu besichtigen, aber ein Blick in den malerischen Innenhof mit dem mächtigen Colombier lohnt sich. Mit 1600 Nistlöchern für je ein Taubenpaar gilt er als das größte Taubenhaus Frankreichs, reich verziert mit farbigen Steinen, unterschiedlichen geometrischen Mustern und einem Dach aus napoleonischer Zeit.
