
- Airborne 44 Band 1 - Salleck Publications
Die menschlichen Wirrungen im Rahmen des Zweiten Weltkrieges – so könnte man die zweiteilige Geschichtscomicserie vielleicht am besten auf einen Punkt bringen. Das Menschliche, also Schuld, Irrungen und Fehler stehen im Zentrum des historischen Comics von Philippe Jarbinet. Der Belgier ist einer der ganz wenigen Comickünstler, die alles im Alleingang machen. Als Autor, Zeichner und Kolorist ist er dem einen oder anderen vielleicht aus der laufenden Geschichtsserie Die Asche der Katharer oder der eingestellten Krimiserie Sam Bracken (beide Arboris) bekannt. In Airborne 44 (Salleck Publications/Eckart Schott Verlag) widmet er sich ganz dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu. Einer Zeit, in der Hoffnungen genauso schnell wieder erloschen sind wie sie gekommen waren.
Ein Hafen der Zuflucht
Luther C. Jepsen, deutschstämmiger GI, wollte nicht untätig zusehen, wie die Nazis die Welt in den Untergang treiben. Also meldete er sich freiwillig. Jetzt, im Dezember 1944, wurde er in den Ardennen verwundet. Allein mit seinem Kameraden Landesadel unterwegs, trifft er zwei jüdische Kinder, die auf der Flucht vor den Nazis sind. Sie alle finden Schutz auf dem Bauernhof von Gabrielle Osterlin. Und inmitten des Wahnsinns des Krieges entwickelt sich auf dem Hof ein Moment des Friedens, der selbst Luther ein düsteres Kriegsereignis kurz vergessen lässt. Doch ganz in der Nähe wird ein Deserteur von der SS gejagt und die deutschen Truppen kommen dem Hof immer näher.
In eindrucksvollen Bildern und einer dicht erzählten Geschichte zeigt Jarbinet die tragischen und hoffnungsspenden Momente in den Wirren des Krieges auf. Der erste Band „Da, wo die Männer fallen…“ führt die Leser wohlgefeilt und -überlegt in die vergangene Epoche ein, deren Menschen und ihr Schicksal ganz von den Kriegswirren gekennzeichnet sind. Jarbinet lässt sich Zeit für seine Geschichte, fackelt jedoch gar nicht erst lange herum. Der Leser findet sich sogleich zwischen Nazis, SS, Juden und GIs wieder und muss feststellen, dass es im Comicbereich selten derart authentische Darstellungen gibt.
Zwischen historischer Authentizität und menschlichen Einzelschicksalen
Kein Wunder, so hat der belgische Comickünstler von Beginn an auf die Ermahnungen des Museumsdirektors Philippe Gillain gehört, der auf jedes Abzeichen und sogar jeden Knopf einen kritischen Blick geworfen hat. Neben der beeindruckenden historischen Detailgenauigkeit besticht Jarbinets Geschichtscomic aber in erster Linie durch seine einfühlsamen Charakterskizzen. Außerdem vollzieht der Autor zum Ende hin eine unvorhersehbare Wendung, die den Spannungsbogen zum zweiten Band „Für uns gibt es kein Morgen“, der im Dezember 2010 erscheinen soll, noch einmal hochschraubt.
Die realistischen Bilder sind zwar im typischen franko-belgischen Stil gezeichnet, weisen aber dennoch einen feinen individuellen Strich Jarbinets auf, der seine Zeichnungen charakteristisch macht. Vor allem die aquarellnuancierten Farben heben Airborne 44 von vielen Standard-Publikationen aus dem Genre ab. Es ist ganz einfach herausragend, wie Jarbinet durch Weglassen eine atemberaubende Winterlandschaft entstehen lässt. Außerdem scheint er das Spiel mit Licht und Schatteneffekten aus dem Handgelenk zu beherrschen. Der vom Verlag in gewohnt, qualitativ hervorragender Aufmachung herausgebrachte Auftaktband ist nicht nur historisch Interessierten zu empfehlen.
Philippe Jarbinet: Airborne 44 Band 1: Da, wo die Männer fallen… Salleck Publications/Eckart Schott Verlag, 2010. Hardcover, 48 Seiten. Euro 12,90.
