Comic-Rezension: Alans Krieg (Emmanuel Guibert)

Alans Krieg - Edition Moderne
Alans Krieg - Edition Moderne
Fünf Jahre lang hat der GI Cope dem Comickünstler Guibert sein Leben erzählt - Daraus wurde eine großartige Geschichte mit phänomenalen Bildern

Alans Krieg – das klingt missverständlich. Die Erinnerungen des GI Alan Cope treffen den Inhalt von Emmanuel Guiberts neuer Arbeit wesentlich besser. Der französische Comiczeichner hat nach dem von Kritikern und Publikum gleichermaßen gefeierten Trilogie Der Fotograf eine weitere Graphic Novel bei Edition Moderne veröffentlicht. Im Vorwort erklärt der Comickünstler gleich selbst, warum es sich bei dieser Arbeit nicht um einen Kriegscomic im klassischen Sinn handelt: „‚Alans Krieg‘ ist kein Werk von Historikern, es ist vielmehr die Geschichte eines alten Mannes, der einem jüngeren Mann begegnet und ihm seine Lebensgeschichte erzählt, worauf der jüngere sofort den Drang verspürt, sie in Wort und Bild umzusetzen.“

Geschichte und Geschichten

Wie Millionen andere junge Amerikaner wurde Alan Cope (1925-1999) im Zweiten Weltkrieg in die Armee eingezogen und nach Europa verschiff, doch verpasste er und seine Einheit die eigentlichen Kampfhandlungen. Alan Copes Erzählungen beschreiben deswegen weder blutige Schlachten noch heldenhafte Taten im Kugelhagel, sondern die alltäglichen Strapazen des Soldatendaseins, die Schikanen während der Ausbildung in Fort Knox oder das nervige Suchen nach Unterkünften in Europa: Er landete 1945 in Frankreich, überquerte den Rhein und fuhr mit General Patton bis nach Prag, um schließlich 1946 in Bad Wiessee am bayrischen Tegernsee zu landen. Durch den Krieg ist Alan aber nicht nur viel herum gekommen, sondern hat dabei jede Menge Bekannte und Freunde kennen gelernt, zu denen er auch lange nach dem Krieg Kontakt gehalten hat.

Cope erweist sich als hervorragender Geschichtenerzähler mit einem beeindruckenden Gedächtnis. Seine Erlebnisse sind voll von pointierten unglaublichen Anekdoten, philosophischen Anschauungen, bewegenden Begegnungen sowie schicksalsträchtigen Ereignissen. Fünf Jahre lang hat der einfache amerikanische Soldat dem Comickünstler seine Sicht des Zweiten Weltkrieges und seine Einstellung zum Leben generell erzählt. Zeitsprünge, selbstreflexive und selbstkritische Gedanken von Cope verhindern eine strikt lineare Erzählung und steigern so auch den literarischen Wert der Graphic Novel. In der Tradition von biografischen Comics steht Alans Krieg deshalb Klassikern wie Art Spiegelmans Maus in nichts nach.

Graue Nuancen und geniale Linien

Guiberts Zeichnungen bestechen durch seinen individuellen Stil. Die Bilder sind zunächst in Schwarzweiß, oder besser in Grau, gezeichnet, was bei historischen beziehungsweise autobiografischen Comics stets für eine authentische Atmosphäre sorgt. Die vielen gräulichen Nuancen und Abstufungen passen ausgezeichnet zu den Menschen und Episoden aus Alans Leben, da diese auch nie schwarz oder weiß, sondern stets irgendwo dazwischen stattfanden. Der Franzose bevorzugt einen individuellen, teils kräftigen Strich, der trotz leicht reduzierten Linien detailierte Zeichnungen hervorbringt. Cope zeigte sich stellenweise sehr verblüfft darüber, wie genau Guibert die Erinnerungen des GIs bebildert hat.

Charakteristisch für Alans Krieg ist in grafischer Hinsicht auch die Verwendung verschiedener Zeichenstile beziehungsweise die Variation der Bilder. Zu Beginn dominieren noch die weißen Hintergründe vor denen Copes Figuren aus der Vergangenheit erscheinen. Später macht sich bemerkbar, dass Guibert die Orte aus dem Leben des GIs zur Recherche bereist hat: Regensburg und die anderen europäischen Städte sind deutlich erkennbar und detailreich – fast fotorealistisch – gezeichnet.

Alans Krieg – Emmanuels Werk

Alans Krieg liest sich wie ein spannender Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen will. Schnell hat man die Menschen aus Copes Vergangenheit lieb gewonnen. Das liegt zum Einen an der herausragenden Lust am Fabulieren Copes und zum Anderen an der meisterlichen grafischen Inszenierung Guiberts. Man merkt der Graphic Novel deutlich an, dass sich hier zwei Menschen begegnet sind, die nicht nur zusammen arbeiten, sondern eine tiefe Freundschaft geschlossen haben.

Es ist deswegen wenig verwunderlich, dass der französische Zeichner bereits am nächsten Alan Cope-Buch arbeitet. Darin will er dessen Jugend aufarbeiten, die der amerikanische Soldat noch vor seinem Ableben in Guiberts Diktiergerät erzählt hat. Die Bandbreite an Themen, die der französische Zeichner inzwischen mit Arbeiten wie Der Fotograf (Edition Moderne), Schwarze Oliven (Epsilon) oder Kapitän Scharlach (avant-verlag) behandelt hat, ist schlichtweg beeindruckend. Mit Alans Krieg legt er ein weiteres Comicjuwel dazu.

Emmanuel Guibert: Alans Krieg - Die Erinnerungen des GI Alan Cope. Edition Moderne, 2010. Klappenbroschur, 336 Seiten. Euro 26.