Comic-Rezension: Alice im Wunderland

Grafisch bombastische Comic-Adaption des Carroll-Klassiker

Alice im Wunderland - Splitter
Alice im Wunderland - Splitter
Das Duo Chauvel/Collette setzt bei seiner Comic-Adaption von Alice im Wunderland alles auf Effekte - der ursprüngliche Charme verblasst dabei leider

Wer kennt sie nicht – die Geschichte von dem kleinen Mädchen, das durch ein Loch in eine völlig verrückte Welt fällt. Lewis Carrolls Kinderbuch genießt nicht nur bei den Kleinen Kultstatus. Inzwischen liegt mit Tim Burtons Adaption auch eine weitere Verfilmung vor. Pünktlich zum Kinostart hat nun auch Splitter ein gleichnamiges Comicalbum herausgebracht. Und auf den ersten Blick ist eines sofort klar: in Punkto Special-Effects will der Comic dem 3D-Streifen in nichts nachstehen.

Die Story: surreal und fantastisch

Das junge Mädchen Alice wird während eines langweiligen Picknicks mit ihrer älteren Schwester auf ein weißes Kaninchen aufmerksam, dem sie schließlich in dessen Bau nachjagt. Dabei stürzt sie durch ein Loch und landet nach einem langen Fall in einer traumartigen Unterwelt. Dort erscheint alles absurd und unlogisch. Nachdem sie gewachsen und dann wieder geschrumpft ist egegnet sie einer Gruppe winziger Tiere, die in einem Meer von Alices Tränen gestrandet sind.

Außerdem trifft sie auf einen Säugling, der sich plötzlich in ein Schwein verwandelt und auf die Grinsekatze, die unsichtbar wird, bis nur noch ihr Grinsen sichtbar ist. Nach dem Besuch einer ewigen Teegesellschaft beim Hutmacher wird Alice schließlich von der Königin zu einem Croquet-Spiel mit vermenschlichten Spielkarten überredet, bevor die Geschichte damit endet, dass der Herz-Bube wegen Diebstahls vor Gericht gestellt wird.

Die erzählerische Umsetzung: rasant

Chauvel bleibt schön auf der sicheren Seite und hält sich an das Original. Wieso auch ein Erfolgsrezept umändern? Bleibt die Frage, was dann noch die Eigenleistung des Autors ist. Gut, der Text wurde hier und da etwas verändert, manche Stellen gestrichen, aber im Kern unterscheidet sich die Story kaum von Carrolls Vorlage. Bleibt noch die Frage, wie das ganze erzählt wird. Und da muss man feststellen, das Chauvel ein hohes Erzähltempo setzt, das er durch das Weglassen eines Erzähltextes und zackigen Dialogen bewältigt.

Die grafische Umsetzung: bunt und effektvoll

Nun zur grafischen Darstellung: Die Zeichnungen von Collette sind surreal und damit perfekt für die Story. Das heißt, dass die Menschen überdimensionale Körperteile wie Köpfe haben und die Hintergründe, wie nach einem Einwurf von Magic Mushrooms (Pilze mit einem LSD-ähnlichen Wirkstoff), schief, aber gleichzeitig kunstvoll, erscheinen. Verblüffend ist die teilweise hyperreale Darstellung mancher Tiere.

Die Kolorierung wurde am PC durchgeführt und inzwischen können sich die Ergebnisse solcher Arbeit auch sehen lassen. Im Fall von Alice im Wunderland kann an der nuancenreichen Farbsetzung nichts ausgesetzt werden. Im Gegenteil: die Atmosphäre, die sich durch die bunten und warmen Farben ergibt passt perfekt zum Inhalt. Das Problem dabei ist, das alles fast schon zu perfekt und aalglatt erscheint. Keine Ecken und Kanten wirken fast schon beängstigend.

Zuviel Effekte?

Das dynamische Erzähltempo und die reizüberflutende Optik machen Alice im Wunderland zu einem bombastischen Knallbonbon. Wer sich gern auch sonst von verpixelten Zeichentrickfilmen berauschen lässt, wird auch hier seine helle Freude haben. Wer aber Comics gern liest, weil er auch gerne mal vor einem Panel verweilt, dem ist von Chauvel und Collettes Adaption abzuraten. Hartgesottene Franko-Belgier werden vermutlich auch nicht mit der Ästhetik glücklich und wer den 3D-Film im Kino gesehen hat braucht wahrscheinlich keine zusätzliche Comiclektüre.

David Chauvel und Xavier Collette: Alice im Wunderland. Splitter, 2010. Hardcover, 80 Seiten. Euro 15,80.