
- Am falschen Ort Cover - Reprodukt
Reprodukt hat eine flämisch-niederländischen Graphic Novel von Brecht Evas ins Deutsche übertragen lassen. Das vor allem in grafischer Hinsicht innovative Buch bedeutet der internationale Durchbruch für den Autor, der in Brüssel als Comiczeichner und Illustrator lebt. Denn parallel zur deutschen Ausgabe erscheint der Band auch in Frankreich und den USA. Nach Olivier Schrauwen präsentiert Reprodukt damit einen weiteren flämischen Zeichner mit einem unverwechselbaren, individuellen Stil.
Zwischen Banalität und Exzess
Die Party ist in vollem Gange. Trotzdem scheinen alle zu warten – und zwar auf den heiß begehrten Partylöwen und Herzensbrecher Robbie. Kommt er oder kommt er nicht? Diese Frage beschäftigt alle anwesenden Gäste mehr als der eiskalte Wodka des Gastgebers. Alle wollen nur Robbie, alle wissen unglaubliche Anekdoten über ihn zu erzählen. Ist er so ruhelos, so unfähig sich zu binden, weil seine erste große Liebe von einem Jäger erlegt wurde, der sie irrtümlich für einen Fasan gehalten hat? Oder ist das die tragische Geschichte einer ganz anderen Person?
In Am falschen Ort beschäftigt sich Brecht Evens mit zwischenmenschlichen Verhaltensmustern und der Zerbrechlichkeit der Identität. Seine Nachtschwärmer sind charismatisch, chaotisch, hemmungslos. Sie werden zur Farbpalette des Künstlers, verblassen, verschwimmen und verschmelzen schließlich zu einer Geschichte. Und am Ende weiß man gar nicht warum der Titel suggeriert, dass man – wer auch immer – am „falschen Ort“ gelandet ist.
Zwischen abschweifender Story und innovativen Bildern
Die abschweifende Story pendelt zwischen Gegenwartscomic und Satire, die Dialoge zwischen Banalitäten und Offenbarungen und die Atmosphäre zwischen Beklemmung und Exzess. Als Comicleser fühlt man sich schlagartig an eine Mischung aus Joan Sfars Klezmer 2 (avant-verlag) und Lewis Trondheims Die erstaunlichen Abenteuer ohne Herrn Hase 4 (Reprodukt) erinnert. Streckenweise ähnelt die ausufernde und fabulierfreudige Geschichte auch an den filmischen Neorealismus, vor allem an Frederico Fellinis Klassiker La Dolce Vita.
Doch Am falschen Ort bleibt überwiegend nur in grafischer Hinsicht ein innovativer beziehungsweise herausragender Band. In konturlosen und bunten Aquarellbildern, die zwischen opulenten, ganz- oder doppelseitigen und reduzierten, kleinförmigen Illustrationen hin- und herschwanken, erschafft Evans eine ganz neue und eigenwillige Bildsprache, die stellenweise fast schon philosophisch wirkt. Nämlich dann, wenn die durchsichtig gemalten Menschen wie Seelenwanderer durch die U-Bahn oder das Nachtleben zu schweben scheinen.
Zwischen Graphic Novel und X
Sprechblasen und Panels, die Hauptidentifikationsmerkmale eines Comics fehlen in Am falschen Ort gänzlich. Oft schweben die Dialogfetzen wie die durchsichtigen Figuren durch die Räume und der zeitliche Ablauf wird nicht selten innerhalb eines Einzelbildes dargestellt. Unabhängig davon, ob die Graphic Novel jetzt alle Sprachmittel eines Comics verwendet, erweist sie sich als kurzweiliges und erfrischend anderes Buch. Etwas mehr Tiefgang hätte der Story sicherlich nicht geschadet, wobei andere behaupten werden, dass sich gerade in den Banalitäten oft Wahrheiten offenbaren.
Brecht Evans: Am falschen Ort. Reprodukt, 2010. Flexcover, 176 Seiten. Euro 24.
