
- Ausgetrickst - Edition 52
Stellen Sie sich vor, Sie sind ein großer Rockstar. Die Welt liegt Ihnen zu Füßen und Sie schwimmen unerlässlich auf der Erfolgswelle. Einem der Protagonisten aus Ausgetrickst geht es so. Und doch hat er seit Jahren keinen Song mehr aufgenommen. Die wegweisende Graphic Novel des New Yorkers Alex Robinson, die auf Deutsch beim Verlag Edition 52 erschienen ist, dreht sich um ein Figurenensemble, das zunächst nicht viel miteinander zu tun hat.
Das Ensemble
Da ist der melancholische Rockstar Ray Beam, der nach Jahren des Erfolgs und Eskapaden aller Art in einer kreativen Sackgasse gelandet ist und nun in seiner neuen persönlichen Assistentin Lily eine Muße erblickt. Dann ist da der besessene Ray Beam-Fanatiker Steve, der als unbeachteter und isolierter Büroangestellter arbeitet und seine eigene Welt erschafften hat. Die junge Phoebe ist auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater in einem Diner auf die Kellnerin Caprice, die für Richard, Phoebes homosexueller Vater, arbeitet. Caprice wiederum hat ein Date mit Nick, einem Unterschriftenfälscher von Sportfanartikeln.
Der Countdown
Auf den ersten Blick haben die Charaktere wenig gemein. Doch der Countdown beginnt von der ersten Seite runterzuzählen. Mit jedem Kapitel nähert man sich dem alles auflösenden Nullpunkt. Damit setzt Robinson von der ersten Seite einen fesselnden Spannungsbogen, der in Kombination mit der clever erzählten Geschichte ein Meisterwerk der grafischen Literatur bildet. In abwechselnden Episoden werden die komplexen Charaktere beleuchtet.
Die charakterlichen Entwicklungen
Ausgetrickst liefert eine analytische und unterhaltsame Form von Charakterstudien. Die Figuren entwickeln sich weiter, wobei Robinson eine Schwarzweißmalerei vermeidet. Die Protagonisten weisen menschliche Züge mit Stärken und Schwächen auf, machen Fehler und/oder lernen aus ihnen. Das ist die große Stärke des Buchs. Damit das ganze aber auch unterhaltsam erscheint, verpackt Robinson seine Charakterdarstellungen in eine spannende und unterhaltsame Erzählform.
Die Erzählform aus dem Kino
Damit steht Robinson weniger in der erzählerischen Tradition des Comics. Vielmehr erinnert seine episodenhafte Ensembleerzählung an das Kino. Der Vater dieser Art von Erzählungen ist sicherlich Robert Altman und das cineastische Vorbild sein Film Short Cuts. Auch Nachfolger wie Paul Thomas Anderson mit seinem Meisterwerk Magnolia greifen auf diese Erzählform zurück. Das überträgt Robinson auf grandiose Weise in die Comicwelt.
Die S/W-Zeichnungen
Mit hartem Kontrast und reduziertem Strich illustriert Robinson seine geniale Story in klaren Zeichnungen. Damit verlaufen die Nuancen ausnahmslos im Erzählerischen und das Graphische steht demgegenüber als Pendant. Immer wieder brechen die Figuren aus den Panels aus, um sich letztlich im Höhepunkt der Geschichte auch graphisch zu lösen.
Der Harvey Award-Gewinner
Ausgetrickst ist ein innovativer Meilenstein der Comicgeschichte. Die spannende und geistreiche Graphic Novel besticht durch ihre komponierte Figurenkonstellation und unterhaltsam konstruierte Erzählform. Zu Recht wurde Robinson für diese Arbeit 2006 mit dem Harvey Award ausgezeichnet. Inzwischen liegt von ihm beim Verlag Edition 52 auch seine dritte Arbeit Unvergessene Zeiten vor. Sein von Kritikern gefeiertes Debüt Box Office Poison ist bislang nur auf Englisch erschienen.
Alex Robinson: Ausgetrickst. Edition 52, 2007. Softcover, 352 Seiten. 22 Euro.
