
- Barbara 2 Cover - shoduko
Der japanische Manga-Altmeister Osamu Tezuka vor allem durch seine Meisterwerke Adolf und Astro Boy (beide Carlsen) berühmt geworden. Mit dem Zweiteiler Barbara-Band liegt nun bei dem Schreiber&Leser Manga-Sublabel shodoku eine deutsche Erstveröffentlichung vor. Das heißt nicht nur, dass der Originaltext ins Deutsche übertragen wurde, sondern auch, dass die japanische Leserichtung (von rechts nach links) aufgegeben und die westliche Lesegewohnheit (von links nach rechts) eingeführt wurde.
Biographisch, rätselhaft, absurd
Der märchenhafte Aufstieg des Yosuke Mikura endet mit einer Schreibblockade, als Barbara ihn verlässt. In seiner Verzweiflung geht Mikura an seine Grenzen und darüber hinaus, er zwingt Barbara zurück an seine Seite, und das Paar beginnt, sich gegenseitig zu zerfleischen - fast bis hin zum Kannibalismus, dem ultimativen Liebesakt. In einem letzten Aufbäumen, sterbend bringt Mikura sein Meisterwerk zu Papier. Es trägt den Titel: Barbara.
Auch der Fortsetzungsband von Barbara ist biographisch geprägt und weist viele rätselhafte und absurde Stellen auf. Oft fällt die Geschichte ins Übernatürliche, Mystische oder Surreale. Das Frauenbild, das bereits im ersten Teil schief war, leidet im zweiten Teil noch mehr: Gewalt gegen Frauen, die allesamt wie junge Puppen aussehen, lassen auf eine fragwürdige sexuelle Neigung des Autors schließen. Wie viel von Barbara autobiographisch und wie viel Fiktion ist, kann man als Leser aber nur vermuten.
Der Meister des Manga und Anime
Tezuka konzentrierte sich in den 1960er Jahren auf anspruchsvolle Stoffe und gründete sein eigenes Trickfilmstudio. Dadurch hat er die enge Verbindung von Anime und Manga auf stabile Pfeiler gestellt. Der Manga-Künstler hinterlässt ein umfang- und facettenreiches Lebenswerk und zählt zu den Gründervätern des modernen Manga. Mit Barbara schuf der Altmeister eine schillerende Frauengestalt, in einer Mischung aus Muse, zweifelhafte Männerphantasie und Hexe. Sein schwungvoller Strich fügt sich passenderweise zum flapsigen Erzählton und dem hohen Erzähltempo.
Dass er aber jederzeit auch realistisch zeichnen kann, stellt Tezuka in einzelnen, herausragenden Panels unter Beweis, wenn er beispielsweise opulente Naturdarstellungen präsentiert. Seine schwarzweißen Bilder schwanken zwischen reduzierten, cartoonhaften und mangatypischen Kitsch – bei den Charakteren – und detailiertem Realismus bei Gegenständen und Hintergrunddarstellungen. Mikuras surreale Geschichte bebildert der Japaner stellenweise durch verzerrte Perspektiven. Auffallend sind auch die bemerkenswerten Ornamente und feinen Schraffuren.
Abwärtsspirale
Bleibt noch eine Frage: Warum ist der Abschlussband um einiges umfangreicher als der Auftaktband? Schreiber&Leser (shoduku) hat sich dabei sehr wohl etwas gedacht, denn inhaltlich macht die Aufteilung nach dem neunten Kapitel im ersten Band Sinn. Denn im zehnten Kapitel heiraten Barbara und Mikura, wodurch ein dramaturgischer Höhepunkt erreicht ist.
Nach der gescheiterten Voodo-Hochzeit dreht sich die Spirale Sog-artig und unaufhaltsam nach unten – bis zur erlösenden und reinigenden Katharsis. Abgesehen von dem höchst frauenfeindlichen Bild ist Barbara ein Klassiker der Manga-Geschichte und deshalb jedem anspruchsvollen Manga-Leser zu empfehlen.
Osamu Tezuka: Barbara 2. Shoduku, 2010. Klappenbroschur, 240 Seiten. Euro 14, 95.
