
- Carthago 1 - Splitter
Christophe Bec hat bei Splitter mit seiner Prometheus-Serie parallel einen Science-Fiction-Endzeit-Thriller am laufen. Mit Carthago folgt nun eine weitere – diesmal allerdings nicht im Alleingang, sondern in Zusammenarbeit mit dem Zeichner Eric Henninot (Alister Kayne). Während Bec bei Prometheus bis in die griechische Mythologie zurückgegangen ist, macht er bei Carthago einen noch größeren Schritt zurück in die prähistorische Vergangenheit der Erde – bis in zum Beginn des Miozäns, 24 Millionen Jahre v. Chr., als ein Hai noch Jagd auf Buckelwale machte.
Carcharodon Megalodon – das Objekt der Begierde
Nachdem ein Carcharodon Megalodon – ein Vorfahre des weißen Hais, der eigentlich seit 5,3 Millionen Jahren als ausgestorben gilt – bei einer Bohrung im Südpazifik 1993 für einen Unfall sorgte steht fest: der tot geglaubte Riesenhai – durchschnittliche Länge 25 Meter – ist noch quick lebendig! Was für die zoologische Wissenschaft eine sensationelle Entdeckung ist, sorgt bei den Aktionären des Gas-Riesen Carthago für Bedenken. Denn aufgrund immer knapper werdender Rohstoffe wie Öl und Gas müssen eben auch entlegene Orte wie der Sedna-Archipel im südlichen Pazifik zur Förderung genutzt werden.
Ein hysterischer Medienhype und ein Bohrstopp kann sich das Unternehmen, Hai hin oder her, einfach nicht leisten. Auf der anderen Seite steht die Gruppe Adome. Wovor legale Naturschutzorganisationen wie Greenpeace noch zurückschrecken, machen die Öko-Terroristen nicht Halt. Auf illegalem Weg haben sie sich die Daten über den verschwiegenen Fund vom Megalodon besorgt und wollen nun mit Hilfe einer erfahrenen Tauchgruppe selbst auf Entdeckungsreise gehen. Daneben häufen sich mysteriöse Unfälle, die auf lange Sicht nichts Gutes verheißen.
Prähistorische Zoologie als erlebbare Fiktion
Der Autor inszeniert einen dramatischen Plot, der im zweiten Band noch viel Spielraum für einen großen Knalleffekt lässt. Die Protagonisten werden auf den unterschiedlichen und wechselnden Schauplätzen in übersichtlicher Weise eingeführt. Damit hat Bec nicht den Fehler aus Prometheus wiederholt, wo er eindeutig zu viel wollte. Auch hier verzichtet er keinesfalls auf ein dynamisches Erzähltempo, das er unter anderem durch das Fehlen eines Erzähltextes erreicht. Jedoch lässt er dem Leser mehr Zeit sich mit den Figuren vertraut zu machen.
Der Mutter-Tochter-Konstellation, die Bec in seine Story mit der Taucherin Kim Melville und Lou ähnelt stark die Protagonistinnen aus Der Schimpansenkomplex (ebenfalls Splitter). Und tatsächlich: Bec hat mit dem Szenaristen der Serie, Richard Marazano, bereits in Zero Absolu zusammengearbeitet. Insgesamt erscheint der Plot um ein prähistorisches Raubtier glaubhaft. So zieht „Der Hundertjährige Karpate“, ein reicher Sammler aus Österreich, treffend das Fazit, „dass der Mensch nur zu fünf Prozent der Meere, Seen und Ozeane Zugang hat, und in diesen fünf Prozent entdecken wir alle zehn Jahre neue Arten“.
Souveräne Zeichnungen und interessante Story
Henninot bebildert Becs Szenario mit seinen detailreichen Zeichnungen, die vor allem durch einen Hang zu einem zackigen Strich auffallen, was vor allem in den Naturdarstellungen zum Ausdruck kommt. Die Natur als letztes Rätsel und Hindernis der Menschheit? Die prähistorischen Riesenraubfische – neben dem Megalodon taucht auch ein nicht minder gefährlicher zehn Tonnen schwerer Liopleurodon auf – zeichnet er schlicht in beeindruckender Weise.
Bec hat ein einfallsreiches Szenario entworfen, das durch Henninots Zeichnungen passend ergänzt werden. Etwas weniger Blockbuster-Ästhetik – wie im Fall von Prometheus – wirkt gelungen. Weniger „Der weiße Hai“-Horror hätte allerdings auch nicht geschadet, was insgesamt aber doch noch zurückhaltend daherkommt. So darf man mit Spannung auf den zweiten Band, der im Juli erscheinen wird, hoffen. Denn mit diesem gelungenen Auftakt kann man sowohl in die eine als auch in die andere Richtung abdriften, der Raum ist durch das rätselhafte Ende offen für Wendungen jeglicher Art.
Christophe Bec & Eric Henninot: Carthago 1: Die Lagune auf Fortuna. Splitter, 2010. Hardcover, 56 Seiten. Euro 13,80.
