
- Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen: 1910 - Pajnini Comics
Endlich ist die von Fans heißersehnte Fortsetzung da. Damit hat Panini Comics den dritten Zyklus der Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen mit dem Auftaktband „1910“ ins Deutsche übertragen. Der britische Starautor Alan Moore ist nicht zuletzt durch die zahlreichen, wenn auch von ihm verhassten, Filmadaptionen (From Hell, Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen, V wie Vendetta, Watchmen) längst über das Medium Comic hinaus bekannt und genießt Kultstatus. Der Zeichner Kevin O’Neill hat sich unter anderem mit Judge Dredd oder Marshall Law einen Namen gemacht.
Hommage an Bertolt Brecht
Zwölf Jahre nach der Invasion der Marsianer und neun Jahre, nachdem England den ersten Mann zum Mond geschickt hat, wird Carnacki, der Geisterfinder, im Britischen Museum von Visionen eines düsteren Kultes geplagt, der ein „Mondkind“ erschaffen will. Und gleichzeitig kehrt ein Serienmörder zurück, der bereits im vergangenen Jahrhundert sein Unwesen getrieben hat. Miss Murray und ihr neues Team – Orlando, Quatermain Jr., A.J. Raffles und Carnacki – werden in die unheimlichen Ereignisse hineingezogen, in die auch Kapitän Nemos Tochter, die zornige Spelunken-Jenny, und der Bandit Mackie Messer verwickelt sind.
Moore versteht es auf kongeniale Weise Bertolt Brechts Dreigroschenoper zu adaptieren: er zitiert einzelne Songpassagen aus dem Theaterstück, das im London einer unbekannten Zeit spielt. Üblicherweise wird als Zeit 1728 – das Entstehungsjahr der Vorlage – angenommen, oder aber die Entstehungszeit der Dreigroschenoper selbst, also die 1920er Jahre. Der Autor verwebt diese Elemente mit seinem Plot, der sich um eine mysteriöse, apokalyptische Vorstellung handelt. Aus Nemos Tochter Janni wird Jenny.
Moores polyphones Franchise
Die Figur des übernatürlichen Detektivs Thomas Carnacki hat sich Moore vom englischen Phantastik-Autor William Hope Hodgson entliehen, der die Figur in sechs Kurzgeschichten auftreten ließ. Orlando ist der Protagonist in Virgina Wolfs gleichnamigen Roman, der dort ein junger Adliger ist, der bei Königin Elisabeth I. in hohem Ansehen steht und von ihr beauftragt wird, niemals alt zu werden. Der Amateureinbrecher A.J. Raffles ist der Held einer Reihe von Büchern des englischen Schriftstellers Ernest William Hornung.
Aus William Somerset Maughams Der Magier stammt der mysteriöse Oliver Haddo, dem der Kabbalist und Mystiker Aleister Crowley zu Grunde liegt. Crowley, eigentlich Edward Alexander, wiederum schrieb das Buch The Scrutinies of Simon Iff, das als Vorlage für Moores Figur Alexander Simon Iff gewesen ist. Mit dem Kurzauftritt des „Zeitspringers“ Andrew Norton könnte eine Hommage an die SF-Autorin Alice Mary Norton versteckt sein, die sich männliche Pseudonyme (Andrew North, Andre Norton, Andrew Norton) zulegte um bessere Verkaufsaussichten beim jugendlichen oder männlichen SF- und Fantasy-Lesepublikum zu haben.
Schraffuren und spitze Ecken
O’Neills feiner Strich besticht durch spritz zulaufende Ecken und (Kreuz-)Schraffuren. Die Zeichnungen sind detail- und abwechslungsreich. Die Farben erzeugen die passende Stimmung. Wie immer ist der Comicgeschichte auch ein literarischer Text angehängt, in dem das Liga-Universum durch phantastische Kurgeschichten erweitert wird. Insgesamt ist „1910“ eine geniale Fortsetzung der Serie, die vielleicht nicht ganz zu Übertrieben geworden ist, wie die Vorgängerbände es teilweise gewesen sind und nach Moores (verfilmten) Klassikern zum Besten gehört was der Autor geschrieben hat. Man darf schon gespannt auf „1968“ sein, wenn der dritte Zyklus in die nächste Runde geht.
Alan Moore & Kevin O’Neill: Die Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen 3: 1910. Panini Comics, 2010. Softcover mit Faltcover, 84 Seiten. Euro 12,95.
