Comic-Rezension: Eigentlich ist das Leben schön (Seth)

Eigentlich ist das Leben schön - Edition 52
Eigentlich ist das Leben schön - Edition 52
Eine einfühlsame und nostalgische Hommage an die Cartoons der 1940/50er Jahre aus der Feder eines der talentiertesten Autoren der amerikanischen Comicszene

Bereits 2004 erschien bei der Edition 52 Seth‘ semi-autobiografische Graphic Novel Eigentlich ist das Leben schön. Mit der 2010 erschienen 2. Auflage liegt insgesamt neben Clyde Fans und Wimbledon Green inzwischen der dritte Titel von Seth bei Edition 52 vor – und man darf hoffen das es noch mehr werden. Denn was der kanadische Ausnahmekünstler in seinen Graphic Novels macht ist schlichtweg einzigartig. Mit Eigentlich ist das Leben schön liegt Seth‘ erstes Buch, das die opulente Erzählung aus seiner beliebten Heftserie Palookaville enthält, in abgeschlossener Variante vor.

Hommage an die Frühzeit der Cartoons

Beim Stöbern in einem Buchantiquariat entdeckt Seth die Zeichnungen eines ihm bis dahin unbekannten Cartoonisten, dessen Zeichenstil ihn zu fesseln scheint. Es handelt sich um den Comiczeichner Kalo, der seltsamerweise nur einen Cartoon für den New Yorker gezeichnet hat. Seth‘ Suche nach weiteren Cartoons, den Wurzeln und dem weiteren Werdegang dieses Zeichners beginnt. Der Leser begleitet den auf eine zum Teil autobiographische Reise in der Welt der vierziger und fünfziger Jahre. Diese obsessive Recherche leitet Seth durch Stapel zerlesener Bücher und Zeitschriften sowie durch Industriegebiete und verschlafene Provinzstädtchen, stets in der Hoffnung, das Mysterium um Kalo doch noch zu lösen.

Der Blick für das Wesentliche

Neben diesem Haupterzählstrang geht es aber auch noch um die persönlichen Probleme von Seth. Immer wieder werden dessen Ups & Downs in Beziehungen oder im Alltag thematisiert. Dabei geht der Kanadier selbstkritisch und selbstreflexiv zu Werke, zum Beispiel wenn er sich als verkorksten Menschen umschreibt, der nicht glücklich ist oder von seinem eigenen Lamentieren genervt ist und seinen ausgeglichenen Zeichner-Kollegen für dessen innere Ruhe beneidet. Die Leser erleben außerdem die Verhaltensmuster Seth‘ exemplarisch in allen Stadien einer Beziehung kennen. Auf diese Weise lernt man den Menschen Seth und auch dessen Gesamtwerk näher und besser kennen.

Schwelgerischer Erzählstil und reduzierte Zeichnungen

Seth‘ einzigartiger Strich ist unverkennbar. Seine Zeichnungen bestechen durch dessen unnachahmliches Gespür dafür das Wichtigste in den jeweiligen Bildern hervorzuheben Beispielsweise erzählt er aus dem Off davon, dass sich aus der Erinnerung der eigenen Vergangenheit stets einzelne Momente herausschälen und unzählige andere dagegen verblassen. Im Bild sieht der Betrachter dazu eine Baumreihe, wobei alle bis auf einen schwarz und nur einer weiß illustriert ist. Seth wechselt stumme Panels mit Off-Kommentaren und Dialogen ab, so dass immer für Abwechslung hinsichtlich Erzählstil herrscht. Der rote Faden aber ist, dass sich der Autor für seine Geschichte Zeit nimmt.

Einer der 100 besten Comics des 20. Jahrhunderts

Die Herausgeber des Comic Journal kürten völlig zu Recht Eigentlich ist das Leben schön zu einem der 100 besten Comics des 20. Jahrhundert. Selbst wenn man über Sinn, Zweck und vor allem über die einzelnen Titel solcher Listen streiten kann, steht die Aufnahme von Seth‘ Werk dennoch für dessen einmalige Comickunst, die selbst wiederum den Comic als Medium und Kunstform zelebriert. Wenn man Seth‘s Arbeiten richtig einschätzen will, ist es hilfreich seine Einflüsse zu kennen.

In seiner Kindheit war er ein Fan von den Peanuts und Jack Kirbys Eternals, in seiner Schulzeit entdeckte er das Werk von Robert Crumb, Edward Gorey, den Hernandez Brüdern, Herge, Yves Chaland, John Stanley und den trockenen Witz der New Yorker Cartoonisten der 50/60erJahre wie Whitney Darrow Jr., Cobean, Syd Hoff, Charles Adams und Peter Arno. Diese sehr unterschiedlichen Inspirationsquellen haben ihn stark geprägt und er hat aus ihnen seinen ganz eigenen, unverkennbaren Illustrationsstil der letzten Jahrzehnte entwickelt, der auch bei der Washington Post, Details, National Post, Spin, The New York Times, Saturday Night und The New Yorker sehr viel Anklang findet.

Seth: Eigentlich ist das Leben schön. Edition 52, 2004 (2. Auflage 2010). Softcover Klappbroschur, 176 Seiten. Euro 20.