
- Eisners - Carlsencomics
Ein erster Blick auf das Cover dieses Buches kann eigentlich nicht ohne ein gewisses Maß an Ironie geworfen werden: Graphic Novel prangt als Störer am unteren Rand des ersten Bandes der Will Eisner Bibliothek. Dem Erfinder der Graphic Novel sein eigenes „Baby“ als Gütesiegel aufzudrücken, würde Eisner selbst wohl freundlich grinsend als Chuzpe abtun.
Will Eisner: Erfinder der Graphic Novel
Doch von diesem zweifellos dem Verkauf dienen sollenden Manko mal abgesehen – Graphic Novels haben ja seit einiger Zeit Hochkonjunktur –, handelt es sich bei „Ein Vertrag mit Gott“ von Will Eisner (1917-2005) um einen prächtig ausgestatteten Comic, den Carlsen mit einiger Verspätung endlich in die Regale bringt. Neben der titelgebenden Geschichte enthält „Ein Vertrag mit Gott“ außerdem die Storys „Lebenskraft“ und „Dropsie Avenue“. Es geht um das typische Leben in den New Yorker Mietshauskasernen der 1920er- und 1930er-Jahre. Mit seinem (autobiografisch geprägten) Blick auf diese unteren Zehntausend hat Eisner das Leben in der Zeit anschaulicher beschrieben als die meisten Historiker und treffender als viele Soziologen.
Eisner und die Dropsie Avenue
Bei ihm gibt es keine Helden und Schurken, keine Superkräfte und keine hochkomplexen Fortsetzungsgeschichten, die mittels Cliffhanger versuchen, die Aufmerksamkeit für die nächste Ausgabe aufrecht zu erhalten. Es sind eher leise und alltägliche Töne, die er anschlägt. Vor allem schildert er das Milieu der jüdischen Einwanderer und deren Nöte im Alltag. Im Vorwort von „Ein Vertrag mit Gott“ schreibt Will Eisner: „Die in diesem Band versammelten Erzählungen sind dem endlosen Strom von Alltagsereignissen entsprungen, wie sie für das Leben im Gewimmel einer Großstadt typisch sind. Einige haben sich tatsächlich so zugetragen. Andere hingegen hätten sich zumindest so zutragen können, wie ich sie aufgezeichnet habe.“ Immer wieder zieht es ihn dafür in die Dropsie Avenue, eine fiktive Straße in der New Yorker Bronx, zurück. Hier entstanden Bildergeschichten von außergewöhnlicher Art.
Einmalige Bild-Text-Kompositionen
Aus dieser Mischung zwischen zeitgeschichtlicher Präzision und künstlerischer Freiheit destilliert Eisner den für ihn typischen Stil heraus. Immer wieder zeigt er den einfachen Menschen, wie er mit seinem Schicksal hadert und versucht, sich gegen die Unwägbarkeiten des Lebens zu wehren. Manchmal mit Erfolg, doch meistens ohne. Das Besondere an den Graphic Novels von Will Eisner sind jedoch weder die Geschichten, noch die Zeichnungen, als vielmehr die Kombination beider Elemente. Seine Bild-Text-Kompositionen wirken auch heute noch in vielerlei Hinsicht einmalig. „Ein Vertrag mit Gott“ ist die erste Graphic Novel und begründete bei ihrem Erscheinen im Jahr 1978 ein neues literarisches Genre. Allerdings ist der Begriff ursprünglich eine Verlegenheitslösung gewesen, weil Eisner seine Geschichten nicht als Comic vermarkten konnte. Dass Graphic Novel heute die allgemeine Bezeichnung für anspruchsvolle Comics ist, war nicht abzusehen.
Ein Vertrag mit Gott. Mietshausgeschichten. Zeichnungen und Text: Will Eisner. Carlsencomics, Hardcover, schwarz/weiß, 528 Seiten. Euro 36,00.
