
- Fegefeuer - Ehapa Comic Collection
Schon in La Bête oder Landru hat Christophe Chabouté gezeigt, das er ein Meister darin ist, die abgründigen und niederträchtigen Facetten der Menschen schonungslos aufzudecken. Dabei sind seine Figuren nie gut oder böse, sondern irgendwo dazwischen anzusiedeln. Wie in Landru beschäftigt sich der Comickünstler nun auch in Fegefeuer (Ehapa Comic Collection) mit der Schuld des Einzelnen – und heraus kommt eine originelle Story mit tollen Zeichnungen.
Einmal Jenseits und zurück
Fegeuer beginnt zunächst als Stadtgeschichte: Der Protagonist Benjamin Tartouche verliert das Haus, das gerade erst geerbt hatte, genauso seine soeben angetretene und vielversprechende Arbeit als Freiberufler und endet als Obdachloser auf der Straße. Doch damit nicht genug: Sein skrupelloser Versicherungshai überfährt ihn auch noch. Als unsichtbare Seele kehrt er auf die Erde nach einem kurzen Aufenthalt im Jenseits zurück, mit einer speziellen Aufgabe.
Einfühlsame Charakterskizzen und Verantwortungsethik
Fegefeuer erschien ursprünglich in drei Bänden, die auch in dieser Gesamtausgabe die Kapitel unterteilen (Buch I, Buch II, Buch III). Chabouté vermischt in darin auf spannende Weise sozialkritische Gegenwartsliteratur mit phantastisch-mystischen Elementen und schafft dadurch ein surreales Gesamtkunstwerk, das an seine franko-belgischen Mystery-Kollegen wie Daniel Hulet (Extra Muros, Ehapa Comic Collection) erinnert. Mit einem satirischen Erzählton lockert er seine ernsten Themen Tod, Schuld und Sühne wiederum auf.
In einfühlsamen und ethisch-kritischen Art und Weise zeichnet er graustufige Charakterskizzen seiner Figuren, die allesamt mit Schwächen ausgestattet sind, aber genauso jederzeit wieder auf den „richtigen“ Weg umkehren können, der nichts mit religiösem Gedöns, sondern mit Charaktereigenschaften wie Stärke, Respekt, Zuversicht und Mut zu tun hat. Damit errichtet der Autor von Fegefeuer ein praktisch-philosophisches Plädoyer für das eigene Handeln und der damit einhergehenden Verantwortung aufgrund der konkreten Konsequenzen, die sich aus jeder einzelnen Handlung ergibt. Das macht Chabouté aber auf ganz anschauliche und verständliche Weise.
Detailierte Zeichnungen und nuancierte Aquarellfarben
Chaboutés Strich ist detailiert, aber nicht detailreich. An den Gesichtern der Figuren könnte er noch etwas arbeiten, aber bei den Hintergründen und Gegenständen – vor allem bei den Autos – sitzen jeder Strich. Die Kolorierung besticht durch nuancierte Aquarellfarben, die eine Mischung aus düsterer und lebensbejahender Atmosphäre spiegeln. Insgesamt ist Fegefeuer sicherlich eher ein erzählerisches als ein grafisches Meisterwerk, aber die Bilder übertragen die Stimmung der Geschichte dennoch ansprechend und passend.
Fegefeuer ist keine leichte Kost, was jedoch als Lob zu verstehen ist. Der Autor weist seine Leser auf dessen ethisch-moralisches Verantwortungsbewusstsein hin und liefert fast nebenbei einen spannenden und satirischen Mystery-Thriller ab. Bei dem Artwork ist sicherlich noch etwas Platz nach oben, aber die Zeichnungen und Farben sind trotzdem stimmungsvoll. Insgesamt ist Fegefeuer nach Vinci und Codex Angélique eine weitere Perle franko-belgischer Comickunst in der All-in-one-Reihe der Ehapa Comic-Collection. Wie ein roter Faden durchziehen diese Arbeiten die Verquickung von ernsthaften Themen wie Tod oder Schuld mit spannenden mysteriösen Fällen.
Christophe Chabouté: Fegefeuer. Ehapa Comic Collection, 2010. Hardcover, 192 Seiten. Euro 39,95€.
