Comic-Rezension: Lysistrata

Ralf König reinszeniert einen Theaterklassiker als witzigen Underground-Comic und landet damit einen Volltreffer

Der junge Platon hat seine Stücke vermutlich gesehen. Aristophanes, um 450 vor Christus geboren, war Athener und Komödiendichter. Lysistrata, sein heute wohl bekanntestes Stück, entstand 411 vor Christus und hatte einen ernsten Hintergrund. Denn zu Aristophanes Lebzeiten tobte zwischen Athen und Sparta ein Krieg. Die Auseinandersetzung zwischen der expansiv agierenden Seemacht Athen und und der waffenstarrenden Phalanx Spartas sollte 27 Jahre dauern. Vor dem Hintergrund dieses scheinbar endlosen Krieges entstand „Lysistrata“.

Ralf König adaptiert für einen Comic einen Theaterklassiker

Ralf König wurde 1960 in Soest geboren und wuchs in Westfalen auf. Mit 19 hatte er sein Coming-out, ab 1981 studierte er in Düsseldorf fünf Jahre freie Kunst an der dortigen Staatlichen Kunstakademie. König wird Comic-Autor und Zeichner und beginnt mit Schwulen-Comics schnell Erfolg zu haben. Seine Adaption des Theaterklassikers stammt aus dem Jahr 1987.

Lysistrata: Die Geschichte im Comic

Zwischen Athen und Sparta herrscht Krieg. Sehr, sehr lange Krieg, denn für die Männer ist der Krieg wie ein Bürojob, die Frauen nehmen Ihre verletzten Helden jeden Abend nach der Schlacht mit bereits routinierter Gereiztheit in Empfang. Den tiefer liegenden Grund hinter der Feindschaft zwischen Athenern und Spartanern erfährt man nicht. Vermutlich ist er längst vergessen. Die Dinge nehmen ihren Gang bis athenische und spartanische Frauen auf einem heimlichen Treffen einen durchtriebenen Plan entwickeln. Was wäre, wenn auf beiden Seiten die Kassen besetzt werden und die Frauen dann den Geschlechtsverkehr mit den Männern verweigern? Könnten sie den Frieden erpressen, wenn sie die Männer an ihrem besten Stück packen? Gesagt, getan. Unter ihrer Anführerin Lysistrata besetzen die Frauen die Akropolis. Gleichzeitig verweigern die Frauen in der Stadt den Geschlechtsverkehr. In der heimischen Umgebung sind die Männer irritiert und fügen sich.

In Königs Version kann man den Männern ihre Probleme deutlich ansehen. Unter ihren Tuniken zeichnet sich der Streik deutlich ab. Königs schwarz-weiße, doch ausdrucksstarke Bilder transportieren deutliche Gleichgewichtsstörungen, die Triefaugen sprechen eine klare Sprache. Aber es hilft kein Jammern und kein Klagen: die Frauen bleiben hart – die Männer auch.

König gibt der Geschichte einen neuen Dreh

Als Parodie der Originalversion funktioniert Königs Comic bis zu diesem Punkt schon sehr gut, denn die agierenden Personen sind nicht den alten Griechen, sondern der Realität der achtziger Jahre nachempfunden, ihre Sprache der damaligen Gegenwart abgelauscht. Und so gibt es natürlich auch eine schwule Subkultur, die den Frauenstreik zunächst gleichgültig zur Kenntnis nimmt, dann aber Möglichkeiten entdeckt, die es zu nutzen gilt. Hepatitos, ein überdrehter Transvestit, verkleidet sich als Sexualpsychologe und verordnet in einer herrlichen Szene den gequälten Athener Soldaten „zwangshomosexuelle“ Handlungen. Die Drohung, den Krieg zu verlieren, verfehlt auf die sachzwangbesoffenen Militärs nicht ihr Wirkung: sie willigen energisch in den unsinnigen Vorschlag ein. Die Soldaten müssen sich nun zu zweit jeden Abend treffen, um sich gegenseitig für die Schlacht am nächsten Tag vorzubereiten. Selbstverständlich hat die Maßnahme für die Soldaten nichts mit Homosexualität zu tun. Sie ist lediglich ein unangenehmer Befehl - der mit zunehmender Routine ausgeführt wird.

Die Empfehlung

Was sich von dort an abspielt, ist für Leser jeder Couleur ein wirkliches Vergnügen. Denn König versteht die Folgen dieses Befehls – für die Schwulen, für die Soldaten, für die streikenden Frauen, für den Krieg - ausgesprochen amüsant in absurde Situationen münden zu lassen. Und auch wenn jüngere Leser sicher nicht mehr die Anspielungen auf den Kalten Krieg zwischen der UdSSR und den USA nachvollziehen können: die originelle Grundidee und die pointenreiche Umsetzung sind heute noch die Lektüre wert.

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König, Ralf, Lysistrata: Frei nach einer Komödie von Aristophanes, rororo, 1987, ISBN 978-3-499-13452-4, 9,90 Euro

Frank Schlage - Mein Name ist Frank Schlage. Ich bin Jahrgang 68 und habe viele Jahre Literaturwissenschaft und Philosophie (sowie Mensakunde und ...

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