Comic-Rezension: Marvel Noir: Spider-Man

Spider-Man in einer soliden Crime Noir-Story

Marvel Noir Spider-Man - Panini
Marvel Noir Spider-Man - Panini
Im ersten Marvel Noir-Band tritt Peter Parker alias Spider-Man gegen einige seiner Erzrivalen in einer typischen Crime Noir-Erzählung an

So genannte „Alternativwelten“, wie eine in der Marvel Noir-Reihe vorliegt, eröffnen auch denjenigen Lesern einen Zugang in ein ansonsten schwer zugängliches Comicuniversum. Schwer deshalb, weil man als Quereinsteiger schwere Karten hat, bei all den unüberschaubar vielen, parallel laufenden und zusammenhängenden Heftserien und Megaevents noch Schritt zu halten. Alternative Kontinuitäten können auch ohne viel Vorwissen gelesen werden und, dass dieses Konzept aufgeht, hat in der Vergangenheit beispielsweise das Projekt Mangaverse – in dem bekannte Superhelden in Mangaform gezeichnet wurden – bewiesen. Für die Reihe Marvel Noir, die bei Panini Comics erscheint, stand nun das Genre Crime Noir aus Literatur und Film Pate.

Im Netz der Kriminalität

New York City 1933: Peter Parker wird zum Ptoegé des Daily Bugle-Fotografen Ben Urich. Grund dafür ist die wachsende Wut Peters gegen soziale Ungerechtigkeit, Korruption und das Verbrechen. In der Zeit der Großen Depression agitiert seine Tante May auf der Straße. Sie will die Arbeitslosen gegen die gierige Elite mobilisieren, wodurch sie in das Fadenkreuz von Politik und dem organisierten Verbrechen gerät.

Um seine Tante zu schützen lässt sich Peter in das komplexe Netz der Kriminalität einführen und muss zu seiner Enttäuschung feststellen, dass selbst innerhalb der Politik und der Polizei korrupte Strohmänner und Nutznießer des lokalen Gangsterbosses Norman Osborn befinden. Osborn „schützt“ die halbe Stadt mit seiner Truppe, die aus einer Freak Show stammt. Der Geier und Kraven sind nur die außergewöhnlichsten Figuren. Durch einen Spinnenbiss bekommt Peter unverhoffte Macht – eine Macht, die aber auch Verantwortung abverlangt.

Auf den Spuren von Raymond Chandler und Dashiell Hammett

Das Autorengespann David Hine (Daredevil: Abrechnung) und Fabrice Sapolsky orientierte sich zweifelsohne an den Pulp- und Kriminalromanen von Dashiell Hammett (The Maltese Falcon) oder Raymond Chandler (The Big Sleep). Deren Romanfiguren – zum Beispiel Philip Marlowe oder Sam Spade – waren zumeist zynische Antihelden. In Hollywoods „Schwarzer Serie“ wurde dieser Heldentyp schließlich vor allem durch Humphrey Bogart verkörpert. In Spider-Man folgen Hine und Sapolsky aber nicht ganz dem vorgegebenen Muster.

Denn Peter erweist sich weder als zynisch, noch als eindeutiger Anti-Held. Zwar begeht er zunächst einen Fehler, indem er einen Verbrecher kaltblütig erschießt, jedoch besinnt er sich schnell auf die moralische Standpauke seiner Tante. Dass die Übertragung eines bekannten Superheldencharakters in das Genre des Crime Noirs funktioniert ist nicht zuletzt dank den bekannten Figuren aus dem Spider-Man-Kosmos wie Felicia Hardy als Femme Fatale oder dem moralisch auch nicht einwandfreien Ben Urich zu verdanken.

Expressionistischer Noir-Stil

Der expressive Strich von Di Giandomenico ähnelt dem Stil eines Frank Millers, der mit Sin City seinerseits den Crime Noir in die Comicwelt übertrug. Die Farben sind blass und zumeist düster gehalten, wodurch sich insgesamt eine passende Grundstimmung ergibt. So unterscheidet sich die Gesamtästhetik von Di Giandomenico auch grundsätzlich von den ansonsten realistischen und auf Hochglanz getrimmten Illustrationen von Superheldencomics.

Zwar wird das Crime Noir-Genre in Spider-Man nicht neu geschrieben, aber für Spannung sorgt die Story allemal. Der Comic eignet sich hervorragend auch für Quereinsteiger oder Gelegenheitslesern von Superheldengeschichten. Für hart gesottene Fans bietet das Marvel Noir-Universum einen so noch nie dagewesenen Spider-Man mit einem Ensemble aus dessen Universum. Weitere Bände sind mit den X-Men, Wolverine und Daredevil geplant.

David Hine, Fabrice Sapolsky & Carmine Di Giandomenico: Marvel Noir: Spider-Man. Panini Comics, 2010. Softcover (mit Faltcover), 108 Seiten. Euro 14,95.