Comic-Rezension: Nach dem Regen (André Juillard)

Nach dem Regen - Salleck Publications
Nach dem Regen - Salleck Publications
Wendungsreich, spannend, dicht erzählt und elegant bebildert - In der Fortsetzung zu "Das blaue Tagebuch" setzt Juillard noch eins drauf

Nach Das blaue Tagebuch (Salleck Publications) kehrt André Juillard wieder zurück zu seinem Figurenensemble, das er um weitere Protagonisten erweitert. Der Autor und Zeichner gelangte durch seine Zusammenarbeit mit Patrick Cothias bei Die 7 Leben des Falken (Carlsen) und Wie eine Feder im Wind (Kult) zu Weltruhm und konnte zuletzt mit Pierre Christin durch Lenas Reise (Carlsen) auf sich aufmerksam machen. Nach dem Regen ist 1998 bei Salleck Publications/Eckart Schott Verlag in der édition B.D. erschienen.

Tragische Verwicklungen und schicksalshafte Zufälle

Victor Sanchez ist wieder aus dem Gefängnis entlassen worden und feiert seine Heimkehr mit seinen Freunden. Nach einer Vernissage von Victors Fotos lernt er Abel kennen, der auf einem Foto seinen Freund Tristan erkennt, der seit Monaten verschwunden ist. Ist er mit seiner Flamme Clara untergetaucht, die eigentlich schon mit Marc verheiratet ist?

Abel begibt sich auf eine mörderische Suche, die ihn nicht nur zu seinem Freund, sondern auch zu einer tiefer sitzenden Wahrheit über sein eigenes Leben und über seine Beziehung zu seiner Freundin Eve führt, die unversehens mit in einen Strudel von mafiösen Geschäften hineingerissen wird. Victor ergreift die Initiative und folgt den Spuren seines verschollenen Freundes.

Ménage à trois? Gegenwartscomic? Kriminalerzählung?

Diesmal verzichtet Juillard auf eine Kapitelunterteilung. Erneut greift der Autor aber auf clevere narrative Stilmittel zurück, indem er Rückblenden verwendet oder wieder eine multiperspektivische Erzählung ermöglicht, wodurch schlussendlich das Rätsel durch die Augen von Victors Freundin Eve aufgedeckt wird. Der Gegenwartscomic beginnt wie der Vorgängerband als gewöhnliche Liebes- oder Beziehungsgeschichte, die im Künstlermilieu angesiedelt ist.

Aber in einem schleichenden Prozess wandelt sich die Geschichte zu einer rätselhaften und atmosphärisch dichten Kriminalerzählung, die für den Leser alles bis dato Bekannte völlig in Frage stellt. Aus der Ménage à trois wird letztendlich noch konsequenter als in Das blaue Tagebuch ein Thriller, aus einem Nouveau Roman, wird ein geradliniger Krimi. Die erotischen Stellen werden angedeutet und sind frei von plumpen oder voyeuristischen Darstellungen.

Kühler Stich und stimmungsvolle Farben

Während Juillards kühl bis distanzierter Strich in seinen bereits erwähnten Historiencomics leicht starr wirkte, entpuppen sich seine Zeichnungen als perfekte Illustrationen für einen Gegenwartscomic – einer von mehreren Vorteilen, Zeichner und Autor zu sein. Die flächige Kolorierung wirkt durch gedämpfte Farbtöne elegant und unterstreicht den distanzierten Strich.

Nach dem Regen ist wie sein Vorgängercomic ein raffiniert erzählter und stimmungsvoll illustrierter Gegenwartscomic über den Zufall, der sich oft als Inszenierung entpuppt. Vor allem die atmosphärische beziehungsweise genrespezifische Wendung mit einem gehörigen Knalleffekt macht aus Juillards eine spannende Fortsetzung zu Das blaue Tagebuch.

André Juillard: Nach dem Regen. Salleck Publications/Eckart Schott Verlag, 1998. Softcover, 56 Seiten. Euro 15.