Comic-Rezension: Pauls Ferienjob (Michel Rabagliati)

Pauls Ferienjob - Edition 52
Pauls Ferienjob - Edition 52
Der prämierte kanadische Comickünstler Michel Rabagliati legt mit „Pauls Ferienjob" eine amüsante, einfühlsame und kraftvolle Graphic Novel vor

Autobiographische Comics haben inzwischen eine lange Tradition und genießen selbst bei manchen Comic-Zweiflern den Rang von (grafischer) Literatur. Pauls Ferienjob ist genauso eine Graphic Novel, die im Verlag Edition 52 erschienen ist. Der Kanadier Michel Rabagliati tritt mit seiner autobiographischen Erzählung in die Fußstapfen von US-Undergroundcomiclegenden wie Robert Crumb (Fritz the Cat), Art Sopiegelman (Maus) oder Harvey Pekar (American Splendor).

Scheitern als Chance

Paul gilt auf der High School ohnehin schon als Störenfried. Seine schlechten Noten bringen seine Haltung gegenüber der Schule passend zum Ausdruck. Doch dann wird er auch noch von einem Verschönerungsprojekt, in dem er Motive aus Antoine de Saint-Exuperys Der kleine Prinz an die Schulwände hätte malen sollen, ausgeschlossen. Wutentbrannt schmeißt er gleich die Schule komplett hin.

Abenteuer Leben

Nach einem kurzen Intermezzo als Druckeraushilfskraft entschließt er sich kurzerhand, das verrückte Angebot eines Freundes anzunehmen: er soll einen erkrankten Betreuer n einem Ferienzeltlager für Kinder aus sozialen Problemfamilien ersetzen. Der unsportliche Paul sieht sich neuen Herausforderungen ausgesetzt: Bergsteigen, Schlangen im Schlafsack und eine ausgelassene Schar an tobsüchtigen Kindern sind nur die Spitze des Eisbergs. Aber dann ist da ja auch die attraktive Kollegin.

Graphic Novels made in Canada

Rabagliati steht stellvertretend für eine inzwischen angewachsene und aufgrund qualitativ hochwertiger Arbeiten nicht mehr zu ignorierende kanadische Graphic Novel-Szene. Zahlreiche Comickünstler wie Seth (Wimbledon Green), der zeitweise Wahl-Kanadier Joe Matt (Peepshow) oder Jeff Lemire (Essex County 1 - Geschichten vom Land) wurden mehrfach mit den wichtigsten Comicawards ausgezeichnet.

Semi-autobiographische Bekenntnisse

In seiner semi-autobiographischen Graphic Novel erzählt Rabagliati von tiefgehenden, aber auch alltäglichen Eindrücken, die er im Leben in der Natur gesammelt hat. Was Pauls Ferienjob wirklich einzigartig unter den Graphic Novels macht ist, wie der Autor die einprägsamen, oft anekdotenhaften Erlebnisse auf literarische und amüsante Weise überträgt.

Zurück zur Natur!

Es macht einfach Spaß an den Fortschritten im Umgang mit den Kindern teilzunehmen oder die essentiellen Dinge im Leben in der Natur kennenzulernen. Allen voran ist es aber auch der nicht-nostalgische, sondern humorvolle Rückblick auf eine einschneidende Lebensetappe des Autors. Insgesamt schält sich in der Graphic Novel eine Naturphilosophie heraus, die das Leben in freier Natur zelebriert. Jeder, der schon einmal unter freiem Himmel geschlafen oder mit dem Rucksack und ohne Kompass durch die wilde Natur gewandert ist weiß sofort, was gemeint ist.

Klare Linie und S/W-Zeichnungen

Rabagliatis Schwarzweißzeichnungen bestechen durch eine klare Strichführung mit einem Semi-Funny-Einschlag und starkem Kontrast. Trotz dieser Reduzierung auf das Notwendige schafft es der Kanadier auf unnachahmliche Weise die jeweilige Stimmung auf Anhieb nachvollziehbar zu machen. Die Gefühlslage der Charaktere werden mit Leichtigkeit sichtbar und für den Leser erfahrbar.

„Ausgezeichnete“ Graphic Novel

Zwischen einfühlsamen, sensiblen Charakterdarstellungen, semi-autobiographischem Abenteuer und amüsantem Artwork hat Rabagliati eine geniale Graphic Novel geschaffen, die man unbedingt gelesen haben sollte. Die Vermischung von mutloser Schwäche und charakterlicher Entwicklung zeugt nicht nur von einer genauen Beobachtungsgabe des Autors, sondern auch von literarischem Talent. Mit dem Harvey Award ausgezeichnet, gehört Pauls Ferienjob in jede Graphic Novel-Sammlung.

Michel Rabagliati: Pauls Ferienjob. Edition 52, 2008. Klappenbroschur, 156 Seiten. 17 Euro.