
- Peepshow - Edition 52
In der typischen Tradition autobiographischer US-Comickünstler gewährt der gebürtige Amerikaner Joe Matt tiefe und unzensierte Einblicke ins sein privates Alltagsleben. Damit steht er in der comicgeschichtlichen Tradition eines Robert Crumb (Fritz the cat), Havey Pekar (American Splendor) oder Art Spiegelman (Maus). Als Freund des kanadischen Comickünstlers Seth (Wimbledon Green, Eigentlich ist das Leben schön, Clyde Fans; beide Edition 52) steht mit einem der hoch gelobten Zeichner in Verbindung und stellt ein wichtiges Puzzleteil in der kanadischen Undergroundszene dar. Joe Matts Peepshow ist 2007 als Sammelband in der Edition 52 erschienen und beinhaltet ersten sechs Hefte seiner von 1992-1994 im Original bei Drawn & Quarterly erschienenen gleichnamigen Heftserie.
Auf den Spuren von Woody Allen
Matt präsentiert sich schonungslos ehrlich, als neurotischen und obsessiven Egoisten, als Anti-Helden, der stark an Woddy Allens Stadtneurotiker-Charaktere erinnert. Seine Beziehung leidet unter seiner zwanghaft-obsessiven Idealvorstellung von Frauen. Er masturbiert lieber anstatt mit seiner Freundin schlafen, weil er die exotischen Frauentypen auf der Straße ansprechender findet. Und auch sonst streitet er sich ständig mit ihr. Schließlich verliebt er sich auch noch die neue Arbeitskollegin seiner Freundin.
Comic-Autobiographie?
Klar: autobiographische Comics gab es schon lange vor Joe Matt. Aber keiner vor ihm hat die Seelenentblößung wohl derart konsequent bis zum Ende betrieben wie der US-amerikanische Comickünstler. Selbst in Zeiten des digitalen Exhibitionismus bei Facebook & Co. legt Matt mit der detaillierten Schilderung seines Privat- und vor allem Sex-Lebens noch einen drauf. Schonungslos offenbart er seine verruchten feuchten Träume und obsessiven Männerphantasien, die nur noch durch Porno-Videos befriedigen kann, wofür er den Video-Recorder seines Vermieters leihen muss.
Seelenstriptease!
Allein seine kanadischen Zeichnerkollegen Seth und Chester Brown tauchen als kritisierende Figuren in Peephow auf und wirken regulierend und strukturierend auf ihn ein – zumindest versuchen sie es. Comic-Autobiographie klingt insgesamt zu schwach: Seelenstriptease bringt es die Radikalität schon besser auf den Punkt. Dabei wirkt der Autor/Charakter gar nicht durchgängig sympathisch, was ihn mit all seinen Schwächen wiederum menschlich erscheinen lässt: da ist der geizige Pfennigfuchser, der selbstsüchtige Egoist, der zwanghaft Besessene, der arbeitsscheue Träumer, hoffnungslose Idealist in Bezug auf sein Frauenbild.
Underground-Stil
Die reduzierten Schwarzweißzeichnungen wirken entgegen dem erzählerischer Radikalität fast schon traditionell: Das heißt, dass Matt einen einfachen Strich führt, der sich stark am typischen Undergroundcomic orientiert: leicht karikierender Einschlag und detaillierte Bilder kennzeichnen die stimmungsvollen Illustrationen. Der Schwerpunkt liegt vor allem auf den Gesten und Mimik der handelnden Akteure, die Panelanordnung folgt meist demselben Prinzip: sechs quadratische Panels pro Seite. Peepshow gilt völlig zu Recht als radikalste Serie im autobiographischen Comicgenre. Selten gelangt man derart nah an einen Comicautor. Und das macht beim Lesen Spaß, vergnügt will man wissen wie es weitergeht mit Matt – und den Frauen.
Joe Matt: Peepshow. Edition 52, 2007. Softcover, 176 Seiten. 17 Euro.
