
- Point Blank Cover - Cross Cult
Superhelden und düsterer Realismus – so könnte man Point Blank kurz zusammenfassen, auch wenn man dem damit der Vorgeschichte zur Sleeper-Sage keinesfalls gerecht wird. In den Staaten ursprünglich als Miniserie beim DC Comics-Imprint Wild Storm erschienen, zeichnet sich hierzulande Cross Cult (2008) für die deutsche Erstveröffentlichung als gebundene Gesamtausgabe aus. Ed Brubaker, bekannt durch Werke wie Gotham Central, Captain America, Criminal ist längst ein etablierter Autor, der für seine kompromisslosen Geschichten bekannt ist. Aber auch der neuseeländische Zeichner Colin Wilson ist durch Arbeiten wie Judge Dredd, Die Jugend von Blueberry oder Invasion längst kein unbeschriebenes Blatt mehr.
Superhelden treffen auf realistischen Crime Noir
Einst war Cole Cash ein Mitglied eines genetisch manipulierten Geheimkommandos. Nun ist er ein abgehalfterter Mann, der gedanklich nicht mehr ganz auf der Höhe ist. Seine glorreiche Zeit als Held liegt längst hinter ihm. Durch seine loyale Freundschaft zu Lynch wird er in düstere Machenschaften gezogen, die ihn überfordern. Dennoch kämpft er sich durch, um herauszufinden, wer seinen Partner in den Kopf geschossen hat. Brubaker legt mit Point Blank eine solide Noir-Story vor.
Gekonnt wird hier Superhelden- und Noir-Genre miteinander verbunden, wobei sich die Superhelden-Elemente stark zurückhalten. So entsteht eine Mischung, die letztlich einen düsteren Realismus enthält. Der Protagonist offenbart sich trotz ambitioniertem Einsatz als permanent Unwissender, der wie eine Marionette fremd gesteuert wird. Das erweitert sicherlich nicht das Crime Noir-Genre, aber ein paar interessante Aspekte wie die große Auflösung mit offenem Ende am Schluss der Story heben Point Blank etwas über den Genre-Durchschnitt.
Point Blank – Verweis und Wortbedeutung
Point Blank war außerdem ein Kriminalfilm aus dem Jahr 1967 von John Boorman mit Lee Marvin in der Hauptrolle. Es ist eine Verfilmung des Krimis Jetzt sind wir quitt (The Hunter) von Donald E. Westlake, der unter dem Pseudonym Richard Stark veröffentlicht wurde.
Auch wenn Brubaker inhaltlich nichts von der Vorlage übernommen hat, so könnte es sein, dass er durch die innovative Erzählweise und die pessimistische Grundhaltung des Films inspiriert wurde. Der Begriff „Point Blank“ bezeichnet darüber hinausgehend das Abfeuern einer Waffe aus nächster Nähe. Auf diese Weise wird auch im Comic auf den Charakter Lynch geschossen.
Point Blank und danach?
Das große Plus an Point Blank ist, dass man den Comic ganz ohne Vorkenntnisse des Wildstorm-Universums lesen kann: Man braucht also weder die Authority- noch die WildC.A.T.S.-Serie gelesen zu haben, aus der die Figuren entnommen wurden, weil Brubaker keiner Continuity verpflichtet war. Dennoch verpasst man dann eventuell die eine oder andere Pointe oder dem unerfahrenen Leser bleiben einzelne Mosaikteilchen verschlossen, die den Kennern auffallen.
Man kann Point Blank trotz alledem einfach als Noir-One Shot lesen und dann entscheiden, ob man tiefer einsteigen möchte, dann empfiehlt sich die Slepper-Serie (auf deutsch auch bei Cross Cult erschienen). Denn Point Blank ist der Prolog zur gefeierten Sleeper-Serie, die wiederum auf Figuren wie Tao oder Carver zurückgreift, die in Point Blank eingeführt wurden. Genre-Fans sollten also unbedingt einen Blick in das Buch werfen.
Ed Brubaker & Colin Wilson: Point Blank. Cross Cult, 2008. Hardcover, 144 Seiten. Euro 19,80.
