Comic-Rezension: Shutter Island (De Metter/ Lehane)

Shutter Island - Schreiber & Leser
Shutter Island - Schreiber & Leser
Der spannend erzählte, aber auch vorhersehbare, Psycho-Thriller kann vor allem visuell durch eine dichte Atmosphäre und künstlerische Bilder überzeugen

Im letzten Jahrzehnt war es meist anders herum: Zuerst der Comic, dann der Film. Im Fall von Shutter Island ist es noch verzwickter. Schließlich war bereits der Psycho-Thriller von Star-Regisseur Martin Scorsese eine Adaption – und zwar des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane. Von ihm stammt außerdem die Vorlage zu Clint Eastwoods Oscar prämierten Werk Mystic River. Nun hat sich Lehane mit einem Zeichner zusammengetan, um aus seinem Bestseller einen Comic zu machen. Seine Wahl fiel auf Christian De Metter, der in Deutschland noch unbekannt ist, während er in Angoulême 2004 für das beste Album (Le Sang des Valentines; Edition Casterman) bereits mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.

Dicht erzählt, aber leicht vorhersehbar

Auf Shutter Island ist die geisteskranke Straftäterin Rachel Solando unter völlig rätselhaften Umständen aus ihrer abgeriegelten Zelle ausgebrochen und spurlos verschwunden. Die US Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule reisen an, um den mysteriösen Fall in der geschlossenen Anstalt zu klären. Doch bei ihren Ermittlungen stoßen die beiden auf Gerüchte und Indizien, die unter anderem auf einen weiteren Patienten auf der Insel hindeuten. Aber auch Teddy verbirgt etwas vor Chuck.

Die Handlung wird durch die Einblendung von Datum und Uhrzeit strukturiert, wodurch die Erzählung wie ein Bericht wirkt. Ansonsten erzählt Lehane seine Geschichte ganz ohne Erzähltext und beschränkt sich auf die Dialoge. Die Story kommt dadurch schnell in Fahrt und behält ein dynamisches Erzähltempo bei. Nach einem verheißungsvollen Einstieg bestätigen sich aber leider die meisten der Vermutungen, die man sich im ersten Drittel aus den Puzzlestücken zusammengereimt hat, wodurch Teile der Handlung vorhersehbar werden und der ganz große Knalleffekt am Ende ausbleibt.

Visuell unterhaltsam

Während die Story nicht über den Durchschnitt des Genres herausragt, können De Metters Bilder auf ganzer Linie überzeugen. Die realistischen, leicht skizzenhaften Bleistiftzeichnungen hat der Comickünstler nicht getuscht, wodurch alles plastischer wirkt als mit harten, schwarzen Konturen. Hinzu kommen nuancenreiche braun bis grünliche Aquarellfarbtöne die den Crime Noir-Charakter in perfekter Weise in die Comicwelt übertragen. Bis auf die bunten Traumsequenzen Teddys, in denen auch die Konturen der Panels aufgelöst werden, beschränkt sich De Metter auf sein geniales und facettenreiches Lichtspiel, das viele andere Comickünstler mit hundert Farben nicht hinbekommen.

Das Buch erscheint bei Schreiber & Leser im Hauseigenen Noir-Sublabel, unter dem inzwischen vier Crime Noir-Comics (außerdem noch: Coronado, Die Packard Gang, Nestor Burma) erschienen sind, wovon Shutter Island von den bisherigen der visuell wohl anspruchsvollste und künstlerischste sein dürfte. Insgesamt ist es der Comic-Adaption somit sehr gut gelungen den durchschnittlichen Psycho-Thriller in das reizvolle Gewand des Crime Noirs zu kleiden. Inhaltlich haben weder Lehane mit seinem Original oder der Comic-Adaption, noch Scorsese mit seiner Kino-Adaption die Grenzen des Genres erweitern können.

Christian De Metter & Dennis Lehane: Shutter Island. Schreiber & Leser: Noir, 2010. Broschiert, 128 Seiten. Euro 17,80.