
- Thorinth 3 - Splitter
Im ersten Band Der Narr ohne Namen wurde der Leser durch den zunächst namenlosen Helden – später erfährt er das dieser Vei-Din heißt – in die surreale und kafkaeske Welt des Turmlabyrinths Thorinth eingeführt. Dieser Turm wurde vom Wissenschaftler Amodef errichtet, um psychisch Kranke zu therapieren. Esiath missbrauchte den Turm für ihre Zwecke – sie schuf einen Seelen verschlingenden Golem-Wächter. Der Auf der Suche nach seiner Frau Madalis trat Vei-Din im zweiten Band Die Sogromzüchter durch den Konsum der Droge Sogrom in einen telepathischen Kontakt mit dem verstorbenen Amodef. Doch der übermäßige Konsum hat ihn geschwächt.
Das vertikale Reich gegen die Sanodath
Durch einen Zauber der Schnuffels wird die Suche nach Maladis für Vei-Din, Elide und dem Sanodath Lank-Milo verkürzt. Das Glück des Wiedersehens hält nicht lange: Elide und Lank-Milo fühlen sich fehl am Platz und Vei-Dins Zustand wird zunehmend schlechter. Währenddessen schmiedet der intrigante Hofnarr des vertikalen Kaisers seine Pläne gegen die Sanodaths. Maladis führt die religiöse Bewegung im Sinne von Esiaths Ziel, d.h. sie verspricht ihren Anhängern ewiges Glück. Konkret schürt sie die Hoffnung der Sanodath und den psychisch Kranken, indem sie alle mit Lehmklumpen zur Therapie versorgt. Der Lehm konkretisiert die unterbewusst verdrängten Elemente der jeweiligen Krankheit und therapiert den Besitzer. Doch alle Weichen sind gestellt und die Zeichen stehen auf der unausweichlichen Konfrontation zwischen dem vertikalen Reich und den Sanodath.
Fructus macht die Fackel an
Der wirre Plot der ersten beiden Bände wird durch die Dramatisierung und Zuspitzung der Ereignisse im dritten Band erhellt. Langsam, aber sicher nehmen die verschwommenen Inhalte festere Formen an und ergeben einen Sinn. Der formbare Lem passt hier treffend als Vergleich zur Beschreibung der Konkretisierung. Eine krasse Wende ist auch die Verlegung des Fokus, weg von Vei-Din, der aufgrund seines Sogrum-Konsums geschwächt in den Hintergrund rutscht, hin zu Maladis. Das ist äußerst gewagt vom Autor, geht aber auf. Daneben strickt Fructus in Shakespeare’scher oder Dostojewski’scher Literaturtradition ein Intrigenspiel, das vom Hofnarr ausgeht. Die parallel erzählten Handlungsstränge – Sanodath und vertikales Reich – verlaufen in einem vorläufigen narrativen Kulminationspunkt zusammen. Doch Fructus hält eine Hintertür – für die nächsten Bände – offen.
Grandiose Farben
Die Gesamtästhetik schwankt überraschenderweise im Vergleich zu den Vorgängerbänden. Fructus ist nach wie bemüht um einen individuellen Strich, was ihm insgesamt auch gelingt. Er gibt jedoch die Konturen in den Gesichtern fast ganz auf zugunsten einer plastischeren Optik, die durch seine herausragende Kolorierung erzielt wird. Die Farben sind zwar wieder das Highlight des Bandes, doch leider muss bei den Gesichtsdarstellungen eine Heterogenität festgestellt werden. Das heißt, dass dieselben Charaktere auf einer Seite innerhalb der Panels verschieden aussehen. So sieht beispielsweise Elide mindestens viermal anders als zuvor aus, was man sich nur noch durch den Termindruck wegen des anstehenden Veröffentlichungstermins erklären kann, denn bisher ist dies nicht aufgefallen.
Bis auf diese kleinen visuellen Schwankungen besticht die Ästhetik erneut durch leuchtende Farben, die im Kontrast zu erdverbundenen Farben stehen. Fructus hat es auf alle Fälle geschafft seine Leser durch die erzählerischen Wendungen aufs Neue zu überraschen – und das zeichnet einen talentierten Autor aus. Vergegenwärtigt man sich noch mal, dass es sich hier um das ambitionierte Debütprojekt von Fructus handelt, dann vergisst man die kleinen Unsauberkeiten wieder schnell und freut sich über ein origienelles Szenario mit vielen einfallsreichen Ideen und Charakteren. Der vierte Band ist für Juni angekündigt und darf mit Vorfreude erwartet werden.
Nicolas Fructus: Thorinth 3: Der vertikale Kaiser. Splitter, 2010. Hardcover, 56 Seiten. Euro 13,80.
