Comic-Rezension: War and Dreams (Maryse & J. F. Charles)

War and Dreams - Splitter Verlag
War and Dreams - Splitter Verlag
Wie in "India Dreams" vermischt das Ehepaar Charles krude Erotik mit Geschichte - herausgekommen ist eine heikle, eskapistische Geschichtsdarstellung

„Krieg und Träume – etwas Gegensätzlicheres gibt es nicht“, das schreibt Arnaud de la Croix Eingangs im neuen Splitter Book War and Dreams. Das ist nach India Dreams die zweite Veröffentlichung im Splitter [neu] Verlag von Maryse und J.F. Charles. Das Ehepaar hat auch schon bei der historisierenden Albumserie Die Pioniere der neuen Welt (Splitter [alt], Kult, Finix) zusammengearbeitet, denn Maryse hat ab Band 13 („Krumme Pfade“) den Text übernommen.

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg

In einem kleinen idyllischen Dorf an der nordfranzösischen Opalküste erinnern sich vier Männer an ihre Vergangenheit: Julien, Archie, Joe und Erwin. Vier Männer – vier Geschichten, die eines verbindet: ihr Leben wurde geprägt von ihren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg. Es sind schicksalshafte Geschichten von Liebe und Leid über Fronten und Feindbilder hinweg. Und Geschichten von kriegsentscheidenden Ereignissen, von großen Schlachten und Triumphen des Geheimdienstes.

Krude Erotik und Nostalgie – Geschichte als Eskapismus

Was ist War and Dreams nun? Geschichtscomic? Kriegscomic? Abenteuercomic? Softporno? Die Vermischung von schlüpfrigen Abenteuern in einem historischen Rahmen macht die ganze Recherche zunichte. Geschichte dient hier nur als exotische Kulisse um die nostalgischen Erotik-Fantasien gealterter Männer auszubreiten. Irritierend dabei ist lediglich, dass der Text aus der Feder einer Autorin stammt. Das antiquierte Frauenbild – erwachsene Frauen werden als „Kinder“ bezeichnet – dient dazu, sich aus der Realität zu verabschieden, in eine Zeit, in der alles besser war – vor allem die Frauen eben, die den vier Männern auf die eine oder andere Art als Abenteuer in Erinnerung geblieben sind.

Hinzu kommen reißerische Momentaufnahmen des Zweiten Weltkriegs, die für Action und Abwechslung sorgen sollen. Durch die Darstellung kruder Erotik und effektheischenden Kriegsbilder werden die wenigen positiven Ansätze, wie die Erinnerung durch vier Personen aus der Gegenwart, ein differenziertes Geschichtsbild (helfende Deutsche und mordende Briten) oder interessanten Details aus der Geschichte, wieder zunichte gemacht. Der Gipfel des schlechten Geschmacks ist spätestens mit einer Aktdarstellung von Eva Braun erreicht. Dabei ist die Aufmachung als abgeschlossenes Buch unabdingbar für die Geschichte, denn als Albumreihe würden die vielen Erzählebenen nicht funktionieren oder der Leser würde den Überblick verlieren.

Solide Bilder auf zu kleinem Raum

Das eigentliche Highlight soll natürlich das Artwork von J. F. Charles sein. Seine Zeichnungen sind grundsolide und entsprechen dem typischen franko-belgischen Zeichenstil. Die Farben sind künstlerisch gestaltet, das heißt, dass Charles Aquarellfarben mit leichten Nuancen verwendet hat. Was für die Geschichte ein Pluspunkt ist, erweist sich für die Bilder als Negativpunkt. Denn die Bilder können in dem kleineren Format – im Gegensatz zum größeren Album – nicht die volle Wirkung entfalten.

Insgesamt wirkt War and Dreams wie bereits zuvor India Dreams als misslungener Versuch, erotische Abenteuer in exakte historische Darstellungen zu verhüllen. Da hilft es nichts, das Opfer- und Täterbild zu differenzieren. Problematisch sind auch unkritische, antisemitische Äußerungen in der Geschichte, die nicht relativiert werden. Da fehlt jedes Gespür für den angemessenen Ton, vor allem wenn gleichzeitig das Täterbild, also der deutsche Soldat, als Held dargestellt wird, der kein Nazi war. Maryse und J.F. Charles gehen fahrlässig und leichtsinnig mit der Geschichte um. Ihre Comics sind nicht nur Zeugnisse von schlechtem Geschmack, sondern auch Beispiele dafür, wie man nicht mit Historie umgeht. Krieg und (feuchte) Träume - etwas Unangemesseneres gibt es nicht!

Maryse & Jean-François Charles: War and Dreams. Splitter Verlag, 2010. Hardcover mit Schutzumschlag, 192 Seiten. Euro 24,80.