Comic: Watchmen - Ultimate Edition

Graphic Novel von Alan Moore und David Gibbons in einem Band

Watchmen Softcover - Paninicomics
Watchmen Softcover - Paninicomics
Der Mord an einem Superhelden ruft alte Gefährten auf den Plan. Apokalyptischer, gesellschaftskritischer Comic mit unglaublich komplexer Story.

Als Dave Gibbons und Alan Moore 1986 ihre zwölfteilige Comicserie „Watchmen“ bei DC veröffentlichten, ging ein Raunen durch die Comicwelt. Das Superheldengenre galt bis dato als abgesteckter Claim, dem keine nennenswerten Neuerungen mehr zuteil werden konnten. Dem setzten Gibbons (Zeichnungen) und Moore (Text) mit „Watchmen“ ein Ende, indem sie dem Superheldencomic die Weihen der „Graphic Novel“ und damit einen intellektuellen Anstrich gaben.

Seitdem wurde „Watchmen“ mit zahlreichen Preisen überhäuft. Außerdem hat man die Serie in die Liste der 100 besten Romane seit 1923 des „Time Magazine“ aufgenommen – als einzigen Comic. Natürlich kann man den Sinn solcher Bestenlisten anzweifeln – trotzdem ist „Watchmen“ ziemlich außergewöhnlich.

Superheldencomic mit intellektuellem Anstrich

Dabei sind die Grundzüge der Story wahrlich nicht besonders einfallsreich. New York 1985. Ein Unbekannter ermordet den ehemaligen Superhelden „The Comedian“. Superhelden sind zwar mehrheitlich in Rente und durch den Keene-Erlass sowieso verboten. Trotzdem ist das Ganze durchaus beunruhigend, wie Superheld „Rohrschach“ findet. Also rät er seinen ehemaligen Kollegen, doch mal bitte Augen und Ohren offen zu halten: Wer hat es getan und vor allem warum? Von diesem kriminalistischen und zugegeben recht banalen Ausgangspunkt aus entwickelt Moore („From Hell“, „V wie Vendetta“, „League of Extraordinary Gentlemen“ u. a.) seine Story. Zusammen mit Gibbons stilechten Zeichnungen kreieren sie einen der ausgereiftesten Comics überhaupt.

Apokalyptische Stimmung

Die Welt von „Watchmen“ ist eine Alternativwelt, zeigt sich in ihrer Ausarbeitung aber erschreckend alternativlos. Die USA haben den Vietnam-Krieg dank des Einsatzes der Superhelden gewonnen, Richard Nixon ist immer noch Präsident und der Kalte Krieg droht wärmer denn je zu werden. Überhaupt macht sich in den zwölf Teilen eine apokalyptische Stimmung breit, die alle Personen mehr und mehr erfasst. Die Gründe bleiben zunächst unnahbar diffus, aber Angst und Verunsicherung beeinflussen Panel für Panel. Wenn der Kalte Krieg die Menschheit im Zeitalter ihrer permanenten Selbstauslöschung gezeigt hat, dann ist „Watchmen“ exemplarisch für diese Haltung. Moore atmet damit zwar unmerklich den Geist der 1980er Jahre, eine Aktualisierbarkeit auf den heutigen „Kampf gegen den Terror“ scheint aber durchaus möglich. Auch deshalb ist „Watchmen“ Gesellschaftskritik.

Wer wacht über die Wächter?

Apokalypse, das Ende der Welt – Paranoia? „Watchmen“ ist ebenso ein ethischer Diskurs über das Superheldendasein. Denn die Helden bei Moore sind keinesfalls altruistische Weltverbesserer à la Superman, sondern gewaltbesessen, machtgeil, sexistisch, nationalistisch, geldfixiert, sprich: egoistisch und insofern durchaus menschlich. So zieht sich der Satz des römischen Dichters Juvenal leitmotivisch durch den Comic: „Wer wacht über die Wächter?“ In diesem Stil verarbeiten Moore und Gibbons eine ganze Reihe von weiteren Leitmotiven, popkulturellen Anspielungen, moralischen Reflexionen und stilistischen Kunstgriffen.

Intelligent und komplex erzählt

Die Binnenhandlung wird durch zahlreiche Rahmenhandlungen flankiert. Jeder Superheld wird mit einer eigenen Biografie versehen. Handlungsstränge laufen teils parallel, überkreuzen sich und trennen sich wieder. Eine unglaubliche Zahl an Rückblenden, Querverweisen und zusätzlichen Informationen machen „Watchmen“ zu einem intelligenten und unglaublich komplex erzählten Comic – mit einem mehr als verstörenden Ende.

Darüber hinaus ist es eine Superheldengeschichte, die das Genre durchaus realistisch nimmt und eben dadurch persifliert. Legendär das Gespräch zwischen „Night Owl“ und „Silk Spectre“, wie man sich am schnellsten aus dem engen Latex-Kostüm befreit, wenn der Drang zur Toilette unaufschiebbar geworden ist. So ist „Watchmen“ amüsant und erschreckend zugleich.

Watchmen: Ultimate Edition. Zeichnungen: Dave Gibbons. Text: Alan Moore. Paninicomics/DC 2008. Softcover, farbig, 436 Seiten. Euro 29,95 (Hardcover: Euro 49,95).

Für Aufsehen sogte auch die nahezu originalgetreue Verfilmung von „Watchmen“ (Regie: Zack Snyder).

Martin Höche, Martin Höche

Martin Höche - Martin Höche hat als Journalist für das Interviewportal Planet-Interview gearbeitet und Beiträge in verschiedenen deutschen ...

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