Comic-Rezension: Hard Boiled (Miller/Darrow)

Science-Fiction zwischen Quentin Tarantino und Philip K. Dick

Hard Boiled - Cross Cult
Hard Boiled - Cross Cult
Miller und Darrow entwerfen in ihrer unkonventionellen Bildsprache eine blutige hard boiled Science-Fiction-Story, die die amerikanische Populärkultur dekonstruiert.

Der Cross Cult-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, klassische Comicalben wie beispielsweise von Moebius oder Alan Moore, neu zu verlegen. Auf diese Weise wurden auch Arbeiten von Frank Miller in einer neuen Hardcover-Ausgabe veröffentlicht. Zusammen mit Geof Darrow entwickelte er „Hard Boiled“, einer blutigen Science-Fiction-Story, die sich um einen „absoluten Durchschnittstypen“ dreht.

Hommage an Jean-Luc Godard und frei nach Philip K. Dick

Zunächst fällt die Dekonstruktionswut auf, die sich in den detailverliebten Bilder Darrows äußert: die oft großen, ganz- oder doppelseitigen Panels sind übersät mit Unfällen, kaputten Autowracks, Leichen oder bis aufs äußerste Verletzte. Diese Ästhetik erinnert zweifelsohne an den Stil des Nouvelle Vague-Regisseurs Jean-Luc Godard, der in seinen unkonventionellen Filmen oft Referenzen zum Comic eingefügt hat. Vor allem die Autowracks und die Satire auf den American Way of Life, die für Godards Film „Week-End“ charakteristisch sind, erinnern an den französischen Filmemacher.

Aber auch der satirische Ton und der Drang zum Unkonventionellen – die Flucht aus dem Bürgerlichen – sind Querverweise an Godard. Daneben basiert die Thematik der Realitätskrise – ein Robotor der an seinem Menschsein zweifelt und seine Roboteridentität ablehnt – an die ontologischen Fragestellungen aus dem Werk des Kult-Autors Philip K. Dick. Vor allem in seinen unzähligen Short Stories („Der unmögliche Planet“), aber auch sein Klassiker „Blade Runner“, drehen sich um die Frage „Wo fängt das Menschsein an?“ bzw. „Was ist Realität?“.

Identitätskrise und Realitätsschwund

Neben diesen Anspielungen und Zitaten ist „Hard Boiled“ aber in erster Linie – Nomen est Omen – eine geradlinige Tour de Force-Story. Ohne einen Erzähler und mit spärlichem Text – die Dialoge sind begrenzt, äußerst einfach gestrickt und zudem mit Wiederholungen versehen – erzählt Miller von einem Roboter, der darauf programmiert wurde zu denken, dass er ein Durchschnittstyp ist. Er lebt in dem Glauben ein Mensch zu sein, mit einer normalen Arbeit, einer Frau und zwei Kindern.

Wahlweise gibt Miller dem Protagonisten verschiedene Identitäten: mal ist er der Steuerantreiber Nixon und mal ist er der Versicherungsangestellte Carl Seltz. Dadurch wird eine Identitätskrise ausgedrückt, die mit einem Realitätsschwund einhergeht. Bald weiß der Roboter nicht mehr wer oder was er eigentlich ist und was wirklich oder von Angestellten der Produktionsfirma Willeford programmiert ist.

Narrative Dynamik und Vorlage für Quentin Tarantino

Die realistischen Zeichnungen von Darrow werden von einer grell-bunten Kolorierung ergänzt. Die Gesamtästhetik – vor allem auch die Detailverliebtheit – ähnelt dem Stil von Moebius. Die bereits erwähnten großformatigen Panels werden stellenweise durch kleine Panels unterbrochen, wodurch insgesamt ein hohes Erzähltempo erreicht wird. Die Dynamik wird zusätzlich durch rasante Schnitte und ungewöhnlichen Perspektivwechsel unterstützt.

Insgesamt findet in „Hard Boiled“ ein Wechselspiel aus geradliniger Narration und rätselhafter Story statt. Was ist Traum, Vision oder Erinnerung, und was Wirklichkeit des Roboters? Welche Identität ist die wahre? Die blutigen und gewaltsamen Verfolgungsszenen sind allerhöchsten noch mit dem Stil eines Quentin Tarantinos vergleichbar.

Frank Miller & Geof Darrow: Hard Boiled. Cross Cult, 2008. Hardcover, 128 Seiten. Euro 24.