Comic-Rezension: Thorinth 1 von Nicolas Fructus

Ein magisch-skurriler Trip in das menschliche Unterbewusstsein

Thorinth 1 - Splitter
Thorinth 1 - Splitter
Im ersten Band „Der Narr ohne Namen" führt Fructus seine Leser in sein farbenprächtiges, surreal-bizarres Labyrinth-Universum ein, in dem ein Mann seine Frau sucht.

In ersten Band der „Thorinth“-Reihe beginnt die Suche eines zunächst namenlosen Mannes nach seiner Frau Madalis Temroth. Diese ist zuvor aufgrund psychischer Probleme in den hermetisch abgeriegelten Turm Thorinth gegangen. In diesen überdimensionalen Turm dringt ihr Mann ein. Die labyrinthartige Innenwelt wirkt aufgrund ihrer skurrilen und surrealen Bewohner wie eine Hommage an „Alice im Wunderland“.

Auf den Spuren von Bilal, Hulet, Mattotti, Moebius und Dali

Fructus erschafft eine detailverliebte und ornamentale Turminnenwelt, die in leuchtenden und farbenfrohen Bildern magisch erstrahlt. Die Detailbesessenheit erinnert vor allem an den Comickünstler Moebius. Auch die fremdartigen Kreaturen ähneln denen aus Moebius oder auch Enki Bilals Werken. Das surreale Setting und die psychologisierende Handlung weisen Gemeinsamkeiten mit Lorenzo Mattottis oder Daniel Hulets Arbeiten auf.

Fructus kommt zwar nicht ganz an diese Comicveteranen heran. Aber deswegen ist sein Comic immer noch ein mehr als gelungener Comictrip ins Unterbewusste. Seine Zeichnungen sind gut, aber seine Farbgestaltung ist überragend. Die leuchtenden Farben und traumähnlichen Settings laden zum längeren Betrachten einzelner Panels oder Seiten ein. Kunstgeschichtlich greift Fructus zum Beispiel auf die Malerei eines Salvador Dalis zurück.

Die Golem-Sage

Nach einer kurzen Einleitung durch einen allwissenden Erzähler weis der Leser, dass Thorinth von dem Wissenschaftler Amodef errichtet. Sein Ziel war es, ein experimentelles Gebäude zu errichten, innerhalb dessen er das menschliche Bewusstsein erforschen kann. Jedoch vereitelte die machthungrige Architektin Esiath den Plan Amodefs, indem sie aus einem magischen, übergroßen Lehmklumpen einen Seelen verschlingenden Golem formte, der fortan das Gesetz im Turm verkörpert und ausführt.

Hier greift Fructus literarisch auf die jüdische Golem-Sage aus dem Mittelalter zurück. Demnach formte ein Rabbiner aus Lehm einen Golem, der die Juden im Prager Getto beschützen sollte. In „Thorinth“ wird aus dem Golem ein Wächter über eine Irrenanstalt, der jederzeit aus dem Nichts auftauchen und eingreifen kann. Der Narrenwärter ist das ordnende Element inmitten einer chaotischen Umwelt – die höchste moralische und juristische Instanz.

Die Bewohner von Thorinth

Neben den Verrückten, psychisch Kranken und Verstoßenen wird der übergroße Turm auch von kleinen, helfenden Kreaturen – den Schnuffels – bevölkert. Spätestens der (selbsternannte) König erinnert an Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Und genauso karrikaturenhaft wie die Figuren aus dem Klassiker erscheinen die Bewohner Thorinths. Die spirituelle Kaste der Sanodaths ähnelt in der Erscheinung und im Glauben und dagegen an lateinamerikanische, afrikanische oder asiatische Glaubensvorstellungen.

Außerdem ist Thorinth noch von den Pellegen, einer Wissenschaftselite, der auch Amodef angehört, bevölkert. Insgesamt ist Fructus eine phantasievolle Geschichte geglückt, die zwar noch ausgereifter gestaltet werden könnte, jedoch die meiste Zeit einen hohen Unterhaltungswert ausstrahlt. Die künstlerische Ästhetik wirkt individuell und innovativ, die Story ist ein vergnüglicher und spannender Trip in das menschliche Unterbewusstsein.

Nicolas Fructus: Thorinth Band 1: Der Narr ohne Namen. Splitter, 2009. Hardcover, 56 Seiten. Euro 13,80.