Comic-Rezension: Wimbledon Green von Seth

Geistreiche Geschichte über den größten Comicsammler in der Welt

Wimbledon Green - Edition 52
Wimbledon Green - Edition 52
Seth mit einer weiteren humorvollen und ideenreichen Erzählung, die diesmal aus seinem Skizzenbuch stammt und vom größten Comicsammler in der Welt handelt

Nach seinen beiden erfolgreichen Arbeiten „Clyde Fans“ und „Eigentlich ist das Leben schön“ legt der Comickünstler Seth mit „Wimbledon Green“ bei Edition 52 eine weitere Graphic Novel vor. Sie handelt vom gleichnamigen – auch buchstäblich – „größten Comicsammler in der Welt“ und war ursprünglich gar nicht zur Veröffentlichung geplant. So muss der Titelzusatz „Eine Geschichte aus dem Skizzenbuch des Zeichners ‚Seth‘“ wörtlich genommen werden – vertraut man den Worten des Autors.

Das Spiel mit der Identität

Wimbledon Green gilt nicht nur als größter, sondern ebenso als rätselhaftester Comicsammler. Niemand kennt seine genaue Herkunft oder die Quelle seines Vermögens, das er zwangsläufig besitzen muss, um sich seine umfangreiche Comicsammlung anzukaufen. Die nebulösen Umstände bieten dementsprechend eine Menge Raum für Spekulationen und wilde Gerüchte, die in der Comicsammlerszene herumgehen.

Ist Wimbledon Green vielleicht der aus der Szene ebenfalls bekannte Don Green oder gar der Münzsammler H. Arbor Grove, was ein Privatdetektiv herausgefunden haben soll? Fest steht, dass eine Menge weiterer Comicsammler und Szenekenner anscheinend – sich zum Teil widersprechende – Vieles über den kauzigen, aber willensstarken und beleibten Comicliebhaber zu sagen hat, so dass sich die Legenden längst nicht mehr von der Wahrheit unterscheiden lassen.

Das Spiel mit dem Interview

Der Autor hat sich für seine Graphic Novel zweier narrativer Kunstgriffe bedient. Zum Einen knüpft er an die Tradition der Autoren Daniel Clowes („Eightball“), Chris Ware („Jimmy Corrigan“) und David Heatly („Mome 2“) an. Denn genau wie diese Autoren erzählt auch Seth eine lange Geschichte in Form einer Vielzahl kürzerer, eigenständiger Comicstrips. Die einzelnen Episoden bilden gemeinsam mit den anderen jedoch ein Gesamtbild. Auf diese Weise erschafft Seth eine polyphone und versponnene, geistreiche Erzählstruktur.

Darüber hinaus verwendet Seth das Interview als narratives Stilmittel. Neben Wimbledon Green werden unzählige Comicsammler und Szenekenner um den Protagonisten „befragt“. Jeder Interviewte erzählt so subjektiv aus seiner Erfahrung, was er mit Green verbindet. Dadurch ergibt sich, ergänzend mit dem episodischen Erzählstil, ein Kaleidoskop aus Halbwahrheiten und Spekulationen, die sich zeitlich über das 20. Jahrhundert bis ins angehende 21. Jahrhundert erstrecken.

Das Spiel mit dem Skizzenbuch

Seth entschuldigt sich im Vorwort – das nach eigenen Angaben eigentlich ein Nachwort ist – für seine skizzenbuchartige Ästhetik, die er dem Umstand zurechnet, dass er diese Geschichte nie zur Veröffentlichung gezeichnet hatte. Eine Lektüre über Bibliophile (Nicholas A. Basbanes: „A Gentle Madness“) hat ihn dazu inspiriert die Leidenschaft, Besessenheit und Gier der Erstausgabenjäger in die Comicszene zu übertragen.

Wie jede überdurchschnittlich herausragende Kunst lässt auch Seth Elemente aus seiner „trüben Existenz“ in die Graphic Novel einfließen. So wollte er unter anderem seine „tiefe Melancholie“, die durch den „Verlust der Kindheit“ entstand zum Ausdruck bringen. Wenn noch mehr Arbeiten so nebenher im Skizzenbuch entstehen, braucht der vielfältig interessierte, aber auch elitäre Comicleser – so wird der Geschmack von Green zusammengefasst – keine Angst vor Mangel an Lesestoff haben!

Seth: Wimbledon Green – Der größte Comicsammler der Welt. Edition 52, 2009. Hardcover (Leinen), 128 Seiten. Euro 25.