
- Vilja Celmins: Night Sky No. 15 - Vera Kriebel
Die vorangegangene Ausstellung des Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) widmete sich 2009 den Meisterwerken der Pop-Art und des Minimalismus. "Radical conceptual" zeigt einzigartige Werke der amerikanischen und europäischen Konzeptkunst seit den 1960er Jahren bis heute.
Beispiele für Konzeptkunst - 1000 Flüsse: Boetti ordnet die Welt
Alighiero Boetti, Konzeptkünstler der italienischen Arte Povera, ist mit mehren Werken vertreten, so mit I mille fiumi più lunghi del mondo, ein großformatiges Wandbild in Grün-Nuancen, durchzogen von gesticktem schmalen weißen Text, auf den ersten Blick ein Wortgewirr, Worte und Zahlen, sinn- und endlos aneinander gereiht - oben links, am Anfang, "1 Nile" ganz unten rechts "1000 Agusan" - verwiesen wird auf das gemeinsam mit Annemarie de Sauzeau Boetti herausgegebene "Classifying the thousand logst rivers in the World": Aufgeführt werden die tausend längsten Flüsse der Welt, Klassifizieren, Einordnen, Sortieren, Zerteilen - wie nehme ich die Welt wahr, wie eigene ich sie mir an?
Conceptart: Kunst aus Konzepten
Wenn beim Surrealismus unsere Gefühlswelt, Träume, Ängste, unser Unbewusstes und Triebhaftes unter die Lupe genommen wurde, so ist der Verstand, die Ratio, sind Konzepte, Ideen Thema der Konzeptkunst: Fragen nach der Vorstellungswelt, der Wahrnehmung, der Weltaneignung, Worte, Sprache, Schrift, Philosophie - hier untersucht Kunst unser Denken, unsere Art des Wahrnehmens, setzt sich mit der "reinen Vernunft" auseinander, Vernunft als Vorgang, nicht als menschliches Vermögen.
Wie funktioniert Wahrnehmung - Zaugg, Turrel, Celmins
Wahrnehmung - was und wie sehe ich? Zauggs Bilder - eine zutiefst beunruhigende sinnliche Erfahrung, zugleich aber diese in Frage stellend, nicht stehen lassend, zur Reflexion anregend: Irritierend die Fragen von Remy Zauggs STELL DIR VOR, DAS BILD SIEHT DICH, ABER DU SELBST SIEHST ES NICHT und EINEN APFEL ANSCHAUEN - EIN BILD VERDAUEN - EIN SELBSTBILDNIS (Foto 3 und 4). Unerträglich (nicht nur für die Augen), sich ihnen länger zu stellen. Wie James Turrels Lichtraum in Twilight Arch oder Vija Celmins Firmamentbilder Nightsky No. 15 (Foto 2) eröffnen sich Blicke in die Tiefe der Farbe, des Lichts, des Dunkels, des Kosmos und wird unsere Wahrnehmung auf eine so beunruhigende Weise benutzt, dass sich das Wort "spielen" verbietet.
Ai Weiwei und Spitzer: Dekonstruktion von Symbolen
Zugang zu den Werken der Konzeptkünstler erhält man häufig erst mittels Hintergrundinformationen. Beispiel: Die Stars der conceptart-Szene Serge Spitzer/Ai Weiwei sind vertreten mit Ghost Valley Coming Down The Mountain - 96 Kopien des chinesischen weißen Guiguzi-Gefäßes mit blauen Bemalung, eine historisierende Bildgeschichte darstellend, das Berühmtheit erlangte, weil es 2005 bei einer Auktion von Christie's für 14 Mio. Pfund verkauft wurde (die Geschichte des Kruges ist eine Internet-Recherche wert). Die 96 eng und streng in Reihen angeordneten Krüge von Spitzer/Ai Weiwei sind aber nie ganze Kopien, sondern zeigen nur - mathematisch errechnete - Ausschnitte der Bemalung. Für Spitzer typisch China (Porzellan als Symbol), für Ai ein kulturelles Relikt - für beide ein Ding, das dekonstruiert werden muss und nur scheinbar in einem Raster wieder zusammengesetzt wird (Foto 5).
Was ist Conceptual Art? Worte sind zentral
Cerith Wyn Evans zitiert in meterlanger Neon-Girlande aus dem 1982 entstandenen Epos "The Changing Light at Sandover" von James Merril : ... rinsed with mercury throughout to this bespattered fruit of reflection ... (Foto1 ), eine Textstelle, die sich um einen Spiegel dreht, der nicht nur die Welt reflektiert, sondern zugleich auch Fenster in die Welt der beiden Hauptfiguren ist. Der Schriftzug schwebt im Raum und scheint weder Anfang noch Ende zu haben, eröffnet verschiedene Erklärungen und Varianten.
Dabei sind außerdem u.a. On Kawara; Hanne Darbovens 900seitige Schreibzeit - Johann Wolfgang von Goethe gewidmet, Ein Jahrhundert; Die Toten 1967-1993 von Hans-Peter Feldmann. Daneben und drumherum inmitten der an sich schon erlebenswerten Architektur sind aber auch andere Werke aus den Beständen des MMK zu sehen (u.a. Schwerpunkt Pop-Art).
"Radical conceptual", bis 22. August 2010. Museum für Moderne Kunst (MMK), Domstraße 10. Anfahrt: gut erreichbar mit der U4/U5, ca. 150 m entfernt von der U-Bahnstation "Römer". Öffnungszeiten: Di und Do - So 10 - 18 Uhr, Mi 10 - 20 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt: 8 bzw. 4 Euro. Freier Eintritt am letzten Samstag eines Monats.
