
- Totes Delfin-Baby in Connyland, 2008 - ProWal/WDSF
Am 8.11.2011 starb der 8-jährige Delfin "Shadow", kaum mehr als eine Woche nach einem zweitägigen Technokonzert, das neben dem Delfinarium im Vergnügungspark Connyland im Schweizer Lipperswil stattfand. Vergeblich hatten Tierschützer im Vorfeld dagegen protestiert, die hochsensiblen Tiere diesem Lärm auszusetzen. Die Untersuchung der genauen Todesursache bei “Shadow“ lief noch, als eine weitere Pressemitteilung der Tierschutzorganisationen Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) und ProWal den Tod eines weiteren Delfins in Connyland verkündete. Am 13.11.2011 starb dort unter noch ungeklärten Umständen der 29-jährige Wildfang "Chelmers". Beide Delfine gehörten der Zirkusfamilie Gasser, die das letzte Delfinarium in der Schweiz in einem Vergnügungspark betreibt und seit Jahren wegen ihrer Haltungsbedingungen von Tierschützern scharf kritisiert wird.
Behörden stellen sich taub
Bereits im Juli 2011 hatten das WDSF und ProWal das Veterinäramt mit dem zuständigen Tierarzt Paul Witzig sowie den verantwortlichen Regierungsrat im Kanton Thurgau, Kaspar Schläpfer, von den unhaltbaren Zuständen im Connyland-Delfinarium unterrichtet. So hätten die Delfine beispielsweise im Sommer bei fast 40 Grad in der Sonne sehr gelitten, weil ein Tor zur Innenhalle defekt war und sie keine Möglichkeit hatten, Schatten zu suchen. In den relativ flachen Becken liefen sie somit Gefahr, sich Verbrennungen zuzuziehen.
Vor der lautstarken Techno-Party Ende Oktober hatten deutsche und Schweizer Tierschützer eindringlich auf den Stress und den negativen Einfluss auf das Immunsystem der sensiblen Meeressäuger hingewiesen - jedoch ohne Erfolg. Dass für die Delfinhaltung in Deutschland im so genannten Säugetiergutachten die Umgebungslautstärke 40 Dezibel nicht überschreiten darf, wurde von den Connyland-Betreibern schlicht ignoriert. Die Tierschützer von WDSF und ProWal hatten bei der Techno-Party neben dem Delfinarium immerhin fast 100 Dezibel gemessen.
Einstweilige Verfügung und Ehrverletzungsklage gegen KritikerInnen
Erich Brandenberger, Presseprecher von Connyland, wollte laut online-Zeitung “thurgauerzeitung.ch“ nicht ausschließen, dass die Delfine möglicherweise vergiftet wurden, auch wenn die Untersuchungen noch laufen. Diese Vermutungen weisen die Tierschützer als Schutzbehauptung zurück. Andreas Morlok, Geschäftsführer von ProWal: “Das Delfinarium im Connyland ist jetzt während der Winterzeit geschlossen. Zugang hat nur das Personal und die Geschäftsführung. Wer soll dann dort Delfine vergiftet haben?“
Kommentar des Geschäftsführers des WDSF, Jürgen Ortmüller: “Das Connyland steht mit dem Rücken zur Wand und eröffnet Nebenkriegsschauplätze, um von den eigenen Missständen abzulenken. So wurde vom Connyland uns gegenüber und gegen ProWal eine einstweilige gerichtliche Verfügung erwirkt, die jetzt offenbar auch gegen die Bündner Nationalrätin Brigitta M. Gadient als Ehrverletzungsklage angestrengt werden soll, weil sie von „Tierquälerei“ in einem Zeitungsinterview gesprochen hat.“
Dabei müsste eigentlich schon ein Blick in die Archive der Tierschützer von ProWal und WDSF genügen, um die Staatsanwaltschaft auf den Plan zu rufen. Im "Connyland-Report 2011" dokumentiert Andreas Morlok in zahlreichen Fotos gravierende Mängel im Delfinarium der Zirkusfamilie Gasser.
OceanCare moniert Befangenheit beim ermittelnden Staatsanwalt
Am 12.11.2011 hatte die Thurgauer Staatsanwaltschaft die Strafklage gegen Connyland abgewiesen, die vor eineinhalb Jahren von OceanCare zusammen mit der Stiftung für das Tier im Recht (TIR) eingereicht worden war. Doch schon am nächsten Tag müssen die Ermittler erneut wegen eines toten Connyland-Delfins tätig werden. Die Tierschützer von OceanCare machen kein Hehl aus ihrer Enttäuschung über die Einstellung ihrer Klage. Noch unverständlicher ist ihnen jedoch, dass keiner ihrer Belastungszeugen überhaupt befragt worden ist.
OceanCare: “Die wichtigsten Belastungszeugen, die früheren Connyland-Delphin-Trainer Terry Hardie und Frank Sanchez, sind nie befragt worden, obwohl unsere Strafklage sich auf Vorfälle stützt, die von ihnen bezeugt und ausführlich dokumentiert wurden." Auch Graziella Blatter-Bianca, die als Delphin-Betreuerin im Connyland arbeitete, hatte sich bereit erklärt, über Missstände im Connyland-Delfinarium auszusagen – und ist nie angehört worden. "Zudem wurden auch zwei unabhängige Tierärzte, die ihr Gutachten zur Behandlungsmethode eines Delfins im Connyland abgaben, der schlussendlich verendete, nie befragt,“ so der Vorwurf von OceanCare, "dazu passt der Eindruck der Befangenheit des ermittelnden Staatsanwalts: Patrick Müller ist ein Duz-Freund von Connyland-Geschäftsführer Erich Brandenberger.“
Um diese berechtigten Zweifel auszuräumen bedarf es wohl einer erneuten Untersuchung durch einen unabhängigen Staatsanwalt.
Importverbot von Delfinen in die Schweiz
Doch die Tierschützer geben nicht klein bei. Ihre Hoffnung setzen sie nun auf ein Verbot von Delfin-Importen in die Schweiz. Am 17.11.2011 stellen sie in Bern eine entsprechende Petition vor und laden zu diesem Anlass zum Pressefrühstück. Darüber hinaus engagiert sich OceanCare dafür, dass die Schweiz dem Beispiel anderer EU-Länder folgt, in denen die Gefangenhaltung von Delfinen verboten ist, darunter Slowenien, Zypern, England, Norwegen und Luxemburg. Die Organisation zum Schutz der Meeressäuger setzt sich auch gegen den Neubau von Delfinarien in ganz Europa ein. In diesem Sinn wird OceanCare demnächst bei der EU eine Petition mit über 100.000 Unterschriften einreichen.
Nachtrag: Am 16.11.2011 berichtet auch das Schweizer Fernsehen in seiner Sendung "10vor10" über die Befangenheit des ermittelnden Staatsanwalts Patrick Müller. Am Tag darauf entzieht Oberstaatsanwalt Andreas Zuber seinem untergebenen den Fall. Die Todesfälle im Connyland werden nun durch eine Staatsanwältin untersucht, deren Namen unter Verschluss gehalten wird.
Quellen:
- WDSF
- ProWal
- OceanCare
- Thurgauer Zeitung.ch
