
- Ortseingang von Corleone - Wilhelm Ruprecht Frieling
Corleone, Heimat von Paten und Bossen, liegt rund sechzig Kilometer von der Hafenstadt Palermo entfernt. Vor einigen Jahren noch wurde Ausländern dringend abgeraten, den berüchtigten Ort im Landesinneren von Sizilien zu betreten. Fahrzeugreifen wurden zerstochen, Besucher wurden angerempelt und heftig beschimpft. Es war auf den ersten Blick offensichtlich, dass die Corleoneser kein Interesse an ungebetenen Gästen hatten.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse gründlich geändert. Corleone kann nunmehr auch von Einzelreisenden gefahrlos besucht werden. Der Ort selbst liegt malerisch. Schon bei der Anfahrt erhebt sich weithin sichtbar in dem kahlen Hügelgelände die 1613 Meter hohe Felsbastion Rocca Busambra. Deren Bergwälder und durch Grotten und Felsspalten zerklüftete Karsthochflächen gelten bis heute als ideales Versteck für manch einen Übeltäter, der auf internationalen Fahndungslisten prangt.
Dabei hat sich der Ort durch den Einsatz der Mafiajäger bereits geändert. Am Stadtrand von Corleone liegt die ehemalige Villa des Mafioso Salvatore Riina, der mehr als tausend Morde verantwortet und einige davon selbst beging. Der Wohnsitz des "Boss der Bosse" wurde zusammen mit 200 Hektar fruchtbarem Ackerland enteignet und dem Volk übergeben. Heute residiert dort eine Landwirtschaftsschule. Die auf dem ehemaligen Mafialand erzielten Erträge werden unter dem Markennamen „Libera" vertrieben. Den neuen Betreibern wird das Leben allerdings schwer gemacht: Mal fackeln ihre Felder kurz vor der Ernte ab, mal werden Saisonarbeiter eingeschüchtert und bleiben sicherheitshalber daheim.
Der Friedhof der Mafia
Am Rand des Ortes liegt der „Friedhof der Mafia". Zwischen Familiengräbern stellen schwarz gekleidete Frauen frische Blumen auf die Marmorplatten. Sie wissen, wer wirklich dort begraben ist. Die berühmtesten Toten werden nämlich nicht auf den Grabplatten genannt, um Aufsehen zu vermeiden. Ungenannt ruhen sie in Familiengräbern.
Viele Bewohner Corleones reagieren inzwischen freundlich, wenn sich ein Besucher nähert. Hunderte Arbeiter aus dem Dorf gingen in den 1960er Jahren in die Bundesrepublik, um im Land des Wirtschaftswunders zu schaffen und unabhängig von der „Arbeitsmarktpolitik" der Mafia zu werden. Das Verhältnis der wieder in die Heimat zurückgegangen ehemaligen Gastarbeiter zu den Deutschen ist ausgesprochen positiv. So kommt es immer wieder vor, dass sich ältere Sizilianer wie Schneekönige freuen, wenn sie ihre Deutschkenntnisse einsetzen und sich erinnern können.
Aufstieg begann in Palermo
Obwohl der Name Corleone unsterblich mit der Mafia verbunden ist, begann der eigentliche Aufstieg der Räuberbande in Palermo. Dessen Flughafen heißt „Aeroporto Falcone Borsellino". Damit wurde den Mafiajägern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino ein Denkmal gesetzt. Beide wurden 1992 samt Leibwächtern durch eine gewaltige, im Autobahnasphalt versenkte Bombe in die Luft gesprengt.
Palermo war bis Ende des zwanzigsten Jahrhunderts fest in der Hand der Mafia. Die Hafenstadt war Zentrum zweier blutiger Mafiakriege und zählte zu den gefährlichsten Städten Europas. In den 1980er übernahmen die den Heroinmarkt beherrschenden Corleoneser unter Führung von Totò Riina die gesamte sizilianische Mafia und unterhielten Verbindungen zu den Familien in aller Welt. In Mario Puzzos Roman „Der Pate" und in der dreiteiligen Verfilmung gleichen Namens mit Marlon Brando wurde Corleone und der Mafia ein unsterbliches Denkmal gesetzt.
