
- Cover Tintenherz - Cecile Dressler Verlag
Was jeder Leser beim Lesen eines faszinierenden Buches erlebt, das völlige Eintauchen in eine Geschichte, das macht Funke zur literarischen Wirklichkeit ihrer Tintenwelt. Einige ihrer Protagonisten haben die geheimnisvolle Fähigkeit, Dinge oder Personen aus einer Geschichte heraus oder in sie hinein zu lesen. Eine Fähigkeit, die im Laufe des ersten Bandes Tintenherz noch dahingehend verfeinert wird, als in Zusammenarbeit mit Fenoglio, dem Autor des Buches im Buch, Texte geschaffen werden, die direkt Einfluss auf die laufende Geschichte nehmen.
Natürlich gibt es auch Beschränkungen dieser Möglichkeit. So stellt sich mit der Zeit heraus, dass für jede aus einer Geschichte herausgelesene Person, eine andere in der Geschichte verschwindet. Eine Art Energieerhaltungssatz der Phantasie, den Funke hier einführt. So hat Mo, der Buchbinder und Vater von Hauptperson Meggie, seine geliebte Frau Teresa/Resa aus Versehen in die Tintenwelt gelesen und alle Versuche, sie wieder herbei zu lesen sind fehlgeschlagen.
Tintenherz - Tintenwelt und „reale“ Welt
Im ersten Band der Trilogie siedelt Funke die Handlung weitgehend in der Jetztwelt an, in die sich einige der eher finsteren Gestalten aus der Tintenwelt verirrt haben. Daneben aber auch Staubfinger, ein Feuerkünstler aus der Tintenwelt, der sich nichts sehnlicher wünscht, als in seine Welt, zu seiner geliebten Frau Roxane zurückkehren zu können. Ihm auf den Fersen Farid, ein Junge, der versehentlich aus 1001 Nacht hergelesen worden ist.
Tintenherz ist ein phantastischer Abenteuerroman für Jugendliche und für Erwachsene, die noch gerne auf den Flügeln der Phantasie reisen. Die Gesetze, die in Funkes Tintenwelt gelten, führt sie in so selbstverständlicher Weise ein, dass nie der Wunsch beim Leser aufkommt sie auf ihre Logik hin zu überprüfen. Sie sind gegeben, wie die Naturgesetze unserer Welt.
Tintenblut – der Wechsel in die Tintenwelt
Im zweiten Band wechselt das gesamte Personal der Tintenherz Geschichte nach und nach komplett in die Tintenwelt. Funkes Welt ist eine mittelalterliche Welt voller Gewalt und Ungerechtigkeit aber auch voller phantastischer Schönheit, die Meggie verleitet, die Welt kennen lernen zu wollen, in der ihre Mutter lange Jahre gelebt hat. Da gibt es Feen, Kobolde, Moosweibchen, Glasmänner und vieles mehr, was Meggie mit staunenden Augen bewundert. Da gibt es aber auch den Natternkopf, den grausamen Fürsten der Nachtburg, der das gesamte Land unterjochen will, auch die Untertanen des gutmütigen Speckfürsten von Ombra. Fenoglio, der Erfinder der Tintenwelt ist hier gelandet und schlägt sich als Dichter von Räuberliedern und Schreiber durch, der Schwarze Prinz, der König der Gaukler führt einen Untergrundkampf gegen den Natternkopf und der von Fenoglio von den Toten zurück geschriebene Cosimo der Schöne versucht es mit offenem Krieg.
Der Held des zweiten Bandes aber ist der Eichelhäher, der Räuber, den Fenoglio in seinen Liedern erstehen lässt und für den er sich Mo, Meggies Vater zum Vorbild genommen hat. So findet auch er wieder seine Rolle in der Geschichte, indem er sich vom friedliebenden Buchbinder zur kriegerischen Robin Hood Figur wandelt.
In Tintenblut stellt Funke die philosophische Frage nach dem Zusammenhang von Wirklichkeit und Fiktion. Wie in Jostein Gaarders Kartengeheimnis wird die Grenze zwischen realer Welt und fiktionaler Welt aufgehoben und bestimmten Personen gelingt der Übergang zwischen beiden Welten. Dadurch wird die Relativität des Begriffs reale Welt aufgezeigt, denn unwillkürlich beginnt der Leser über die Frage zu philosophieren, was denn seine eigene reale Welt von derjenigen Meggies unterscheidet und hoppladihopp ist man bei der Frage nach der Realität des eigenen Bewusstseins.
Sicherlich Fragen, die den jugendlichen und möglicherweise auch den erwachsenen Leser überfordern aber nicht uninteressante Einstiegsmöglichkeiten in das philosophische Denken. Wer sich mit solch existentiellen Fragen nicht auseinandersetzen will, der hält sich an den Bogen der erzählten Geschichte und der ist auch in Band zwei von immenser Spannung.
Tintentod – das Ende vom Lied
Band drei von Funkes Tintenwelt Trilogie ist derjenige, der von der Struktur her am nächsten beim Märchen liegt. Der Ablauf der Geschichte ist von Anfang an klargestellt: Guter Räuber (Eichelhäher, also Mo der Buchbinder) und gute Prinzessin (Violante, die Witwe des schönen Cosimo) müssen den bösen Fürsten (Natternkopf) aufs Kreuz legen. Die Geschichte spielt fast komplett in der Tintenwelt, die reale ist nur mehr als Fluchtmöglichkeit für die „wissenden“ Protagonisten enthalten. Da ein Erzähler, der die guten Lösungen nach Bedarf herbei schreiben kann, für den Fortgang der Geschichte allzu hinderlich wäre, wird Fenoglio mit einer alkoholbedingten Schreibhemmung ausgestattet. Dafür darf sein Widerpart Orpheus einige böse Wendungen in die Geschichte hineinschreiben.
Tintentod wird über weite Strecken getragen von den Zweifeln und Identitätskrisen der Protagonisten: „Oh ja, es gab ein neues Lied über den Eichelhäher: wie er in einem feuchten, schwarzen Loch den Verstand verlor...“. Aber auch von den märchentypischen Themen Heldenhaftigkeit, Liebe, Tod.
In ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema Tod, das im Titel schon anklingt, zugegebenermaßen ein äußerst schwieriges Feld für ein Jugendbuch, findet Funke nicht mehr zu den zwingenden Bildern, wie im ersten oder zweiten Band. Die Fähigkeiten und Eigenschaften, die Sicherheit und Gewissheit die Staubfinger und Mortimer ihrer Todeserfahrung verdanken, erscheinen allzu sehr dem Fortgang der Geschichte geschuldet.
Die Tintenwelt Trilogie – über 2000 märchenhafte, philosophische Seiten bestes Lesefutter
Auch wenn beim Band drei einige Abstriche gemacht wurden, so ist Funkes Trilogie doch ein Eintauchen in eine faszinierende und phantastische Welt einerseits und Auseinandersetzung mit grundlegendsten Themen menschlicher Existenz andererseits. Spannendes Lesefutter, das Jugendliche anregt, sich mit den Bedingungen des menschlichen Bewusstseins zu beschäftigen, mithin auch eine Schullektüre, die ein weites Feld von Diskussionsmöglichkeiten eröffnet.
Cornelia Funke: Tintenherz. Cecile Dressler Verlag 2003. Gebunden,576 Seiten. Euro 19,90
Cornelia Funke: Tintenblut. Cecile Dressler Verlag 2005. Gebunden,736 Seiten. Euro 22,90
Cornelia Funke: Tintentod. Cecile Dressler Verlag 2007. Gebunden,768 Seiten. Euro 22,90
