
- Corpsepaint - Dominique Jacholke
Kennern ist es ein bekannter Begriff, der wie ein Symbol über der gesamten Szene schwebt: Die düstere Gesichtsbemalung Corpsepaint, die die Mitglieder der Black-Metal-Fraktion vom Rest der Welt abgrenzt und gleichzeitig ein Statement setzt: Wir sind anders!
Definition von Corpsepaint
Das traditionelle Corpsepaint ist eine Art Schminke/Gesichtsbemalung in der modernen Black-Metal-Subkultur. Vorbildfunktion haben hier Mitglieder Genre-verwandter Bands, deren Gesichtszüge dadurch aggressiv, unmenschlich, teilweise dämonisch wirken sollen.
Verwendet wird größtenteils nur weiße und schwarze Schminke, teilweise auch anderen Farben (vor allem Blau und/oder Gelb als Verweis auf die skandinavische Herkunft des Genres), sowie Kunstblut, in Einzelfällen auch echtes Blut.
Geschichte und Entwicklung von Corpsepaint
Der Gedanke des modernen Corpsepaint stammt aus dem Mittelalter. Zu Zeiten der Pest (mehrere große Epidemien zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert) war die schnelle Verbreitung der Seuche sehr gefürchtet. Es fehlte an medizinischem Wissen über die Krankheit und ihren Verlauf. So gab es für die Menschen damals kaum Möglichkeiten, sich davor zu schützen. Kaum eine der ergriffenen Maßnahmen war sonderlich erfolgreich, darunter Salben und Brennen der Wunden, Quarantäne, sowie das Verbrennen der Leichen und ihrer Habseligkeiten. Durch die Massen an Toten verschlimmerte sich die Situation immer mehr.
Um diesem Zustand Einhalt zu gebieten, versuchte man die Körper der Verstorbenen zu desinfizieren, nachdem das erste Wissen über Seuchen-Erreger und dessen Verbreitung die Runde machte. Man benutzte größtenteils Kreide oder Kalksteinmehl, was den Toten, zusätzlich zur eingetretenen Leichenblässe, ein unheimliches Aussehen verlieh. Unterstützt wurde dieser Eindruck durch die dunklen Verfärbungen in der Nähe der Augen und Lippen.
Die Pest – "Der Schwarze Tod" – und deren Folgen passen ideal in die Gedankenwelt der Black-Metal-Szene, die z.T. dominiert wird durch Themen wie Tod, Misanthropie, Hass, aber auch Naturverbundenheit und Anerkennung alter, vorchristlicher Kulturen (dies harmoniert wunderbar mit dem Gedanken an das "Versagen" der katholischen Kirche zu Zeiten der Pest).
Weiterer Herleitungsversuch: Corpsepaint im nordisch-heidnischen Raum
Aus der Verarbeitung vor allem nordisch-heidnischen Gedankengutes stammt auch der zweite Herleitungsversuch über die Herkunft des Corpsepaints, vor allem durch skandinavische Gruppen.
Es wird angenommen, dass zu Wikingerzeiten Tote von hohem Rang mit all ihren irdischen Habseligkeiten (Waffen, Vieh, auch Ehefrauen) auf einem Floß aufs offene Meer getrieben wurden, wo sie in Flammen aufgingen (Feuerbestattung). Zuvor soll es angeblich Brauch gewesen sein, die Gesichter der Toten Schwarz und Weiß zu bemalen.
Diese Prozedur gilt heute als Mythos und wurde weitestgehend bereits widerlegt.
Grob gesehen können auch die Kriegsbemalungen einiger Völker eine gewissen Vorbildfunktion erfüllen, wenn auch in eingeschränkter Weise.
Man nimmt aber an, dass sie die Leichenbemalung im Mittelalter das Hauptmotiv ist.
Corpsepaint in der Musikszene
In der Musikszene trat Corpsepaint das erste Mal Ende der 1980er Jahre auf. Wer es als erstes trug, ist heute nicht mehr feststellbar. Mehrere Bands und Künstler haben sich in der Vergangenheit zu Wort gemeldet und erklärt, dass sie die Ersten gewesen wären.
Die Website Metal Storm bezeichnet die brasilianische Trash- und Black-Metal-Band Sarcófago als die erste Gruppe, die Corpsepaint im herkömmlichen Sinne verwendete (ca. um 1990).
Szenen-intern führt man den Beginn der Verwendung auf die BandCeltic Frost (Schweiz) und vor allem auf den Sänger King Diamond (Mercyful Fate) zurück.
Auch als einer der ersten Black-Metal-Musiker mit "echtem" Corpsepaint gilt der 1991 verstorbene Sänger der Bands Mayham und Morbit, "Dead". Bandmitglieder äußerten über seine Beweggründe, er wollte tatsächlich wie eine Leiche aussehen.
Fest steht, dass bereits einige Rockbands der 70er und 80er Jahre großflächige Gesichtsbemalung verwendeten, die entfernt an Corpsepaint erinnerten. Federführend waren hier Alice Cooper und die Glam-Rock-BandKiss, allerdings vor einem völlig anderen Hintergrund, sodass hier nicht von Corpsepaint die Rede sein kann.
Corpsepaint heute
Während man leichenähnliche und schaurige Gesichtsbemalung in den Hoch-Zeiten der Black-Metal-Bands Mitte der 90er Jahre verwendete, um sich zum einen vom Trend rund um den ebenfalls aus Skandinavien stammenden Death Metal abzugrenzen (vor allem optisch) und zum anderen den grundsätzlich negativen Philosophien noch mehr Ausdruck zu verleihen, ist es heute mittlerweile verpönt.
Der eigentliche Sinn des Corpsepaint sei durch die Überverwendung in den letzten Jahren fast vollständig verloren gegangen. Moderne Bands würden nicht mehr wissen, worum es eigentlich ginge und es sei zu einem Szenen-übergreifenden Modetrend geworden.
Wo Corpsepaint früher eins der wichtigsten Stilelemente für Black-Metal-Bands neben Nieten-Verzierungen, Patronengürteln und Drudenfüßen war, fordern Puristen der Szene heute verstärkt den Verzicht dessen und stattdessen eine Rückbesinnung auf ursprüngliche Gedanken, bzw. die reine Konzentration auf die Musik und nicht auf das Auftreten der Künstler.
Quellen:
www.jugendszenen.com/Blackmetal/Symbole.html
