
- Die Bilder von Courrières gingen 1906 um die Welt - © Heritage-Images 2008 - All Rights Reserved
Am 10. März 1906, um 06.34 Uhr morgens, ereignete sich in den Gruben der „Compagnie des Courriéres“ östlich von Lens die vermutlich stärkste Kohlenstaub-Explosion in der Geschichte des europäischen Kohlebergbaus. Sie war so laut, dass die Menschen in vier Dörfern gleichzeitig (Méricourt, Sallaumines, Billy-Montigny und Noyelles-sous-Lens) hochgeschreckt wurden. Sie war so heftig, dass 110 Kilometer Stollen verwüstet wurden, aus zwei von vier betroffenen Schächten die Förderkörbe geflogen kamen und die Schachttürme zertrümmerten. Und sie tötete über tausend Menschen, darunter hunderte von Kindern. Offiziell gab es 1099 Tote und Vermisste. Manche Leiche wurde nie gefunden.
Courriéres: Ein frühes Verbund-Bergwerk
Die Kohlegrube von Courrières, angelegt im Jahre 1852, war eigentlich ein Verbund-Bergwerk aus vielen kleinen Schachtanlagen, die allesamt unterirdisch verbunden waren: Vierzehn einzelne Kohlenschächte hatte die „Compagnie des Mines de Houille de Courrières“ (Gesellschaft der Kohlebergwerke von Courrières) östlich der Stadt Lens in die Erde getrieben. Zu jedem Schacht gehörte ein Dorf bzw. eine Bergarbeitersiedlung, denn die Zahl der beschäftigten Menschen ging in die Tausende.
Deshalb traf die Katastrophe auch nicht die gesamte Anlage, sondern „nur“ die Schächte 2, 3, 12 und 13 im Südwesten des Grubenfeldes, quasi am Stadtrand von Lens. Gewisse rasche Maßnahmen der Gesellschaft sorgten dafür, dass das Feuer nicht auf die übrigen Gruben übergriff – zugleich aber kosteten sie einer unbekannten Zahl von Menschen das Leben. Die Grube stellte nämlich bereits nach drei Tagen die Rettungs- und Bergungsarbeiten ein, schloss die Schachtdeckel und flutete die verwüsteten Stollen.
Courrières: Aus „Germinal“ von Zola nichts gelernt?
Zu diesem Zeitpunkt waren 600 Bergleute lebend geborgen worden, zum Teil mit schweren Verbrennungen und Rauchvergiftung. Ansonsten aber stießen die ersten Rettungstrupps fast nur auf Trümmer und Berge von Leichen. Und über Tage schlug die tiefe Verzweiflung der Menschen um in Hassausbrüche und Ausschreitungen gegen die Grubengesellschaft. Die Liste der Vorwürfe gegen die Minenbetreiber war endlos – und sie lesen sich wie eine Zusammenfassung aus Emile Zolas „Germinal“. All die Missstände, die Zola anlässlich eines Streiks vierzig Jahre zuvor angeprangert hatte, waren im französischen Bergbau offenbar nie abgestellt worden:
Noch immer wurden in französischen Gruben Kinder in großer Zahl eingesetzt – als Schlepper, Pferdejunge und Hilfsarbeiter aller Art (in anderen Ländern wie Deutschland war Kinderarbeit 1906 längst verboten). - Noch immer hantierten viele Bergleute im Lichtschein „nackter Lampen“ oder Kerzen, weil ihnen die Anschaffung einer „Sicherheitslampe“ mit Drahtmaschengitter zu teuer war (offenbar mussten sie ihre Ausrüstung selbst bezahlen) – von modernen Benzin- oder gar Batterielampen gar nicht zu reden.
Auch der technische Standard der Gruben war - ausgerechnet in jenem Land, dessen Ingenieure um 1850 den Kohlebergbau in Europa revolutioniert hatten! - hoffnungslos veraltet. Die im Ruhrgebiet von französischen Investoren eingeführte Doppelschachtanlage war in Frankreich fast unbekannt: Die CMG hatte 1906 gerade erst begonnen, neben ihren Einzelschächten zweite Schächte anzulegen. Fertiggestellt, hätten diese die Rettungsarbeiten sicher vereinfacht. So aber hing das Wohl und Wehe einer Grube an nur einem Ausstieg. Auch deshalb waren die Minen von Courriéres untereinander verbunden. Doch der Feuerwalze Explosion, durch kilometerlange Tunnel verstärkt wie in einem Geschützrohr, hatten die Wettertüren und Stützhölzer von Courrières nichts entgegenzusetzen.
Doch der größte Skandal war die frappierende Missachtung diverser Sicherheitsstandards. Anders als in England oder Deutschland (die bereits aus blutigen Tragödien gelernt hatten) vertrauten die französischen Bergingenieure auf den alten Lehrsatz, dass Kohlenstaub zwar eine Schlagwetter-Explosion verschlimmern, aber nicht selbst explodieren könne. Mit exakt dieser Auskunft wurde (wenige Tage vor der Katastrophe) eine Delegation der Gewerkschaft abgewiesen, die sich um den hohen Kohlenstaubanfall in der Grube gesorgt und um einen Förderstopp gebeten hatte... Auch die Ausbildung und Ausrüstung der Rettungstrupps erwies sich im Angesicht der Verwüstungen als unzureichend.
Courrières: Deutsch-Französische Kooperation
Dies bewies den Behörden, en passant, das Auftreten der 25köpfigen Rettungsmannschaften der deutschen Ruhrgebiets-Zechen „Shamrock“ und „Rheinelbe“. Die Franzosen hatten das Angebot des Bergbau-Vereins Dortmund, Spezialisten nach Lens zu schicken, dankbar angenommen – eine echte Sensation angesichts des geradezu feindlichen Verhältnisses beider Staaten.
Mit Atemgeräten drangen die Deutschen in die Gruben vor, konnten aber nur Leichen bergen. Dennoch wurden sie in beiden Staaten als Helden gefeiert, und mancher Zeitgenosse träumte schon von einem politischen Tauwetter. Der Kriegsausbruch 1914 räumte auch damit auf.
Courrières, ein Medien-Ereignis
Courrières war eines der ersten Tragödien, worüber die Zeitungen in aller Welt “live“ berichteten. Allein in der betroffenen Region Pas-de-Calais gab es fünf konkurrierende Tageszeitungen, die ihre eigenen Berichterstatter vor Ort hatten. Nach den Pariser Korrespondenten trafen auch Reporter aus aller Herren Länder vor Ort ein und produzierten aufrüttelnde Berichte, Reportagen und Kommentare über das Unglück selbst, den Volkszorn, den ausbrechenden Streik und die folgenden Unruhen, die sogar die Regierung in Paris ins Wanken brachte, welche das Militär alarmierte.
Deshalb ging am 30. März 1906 eine Sensation binnen weniger Stunden um den Erdball: Drei Wochen nach der Detonation wurden dreizehn Überlebende befreit. Sie hatten sich aus den Brot-Beuteln ihrer toten Kameraden und von Pferdefleisch ernährt. Nach weiteren vier Tagen befreiten die deutschen Grubenwehren bei Bergungs- und Räumarbeiten noch einen weiteren Bergmann.
Courièrres öffnete den französischen Behörden die Augen: Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kohlebergbau in Frankreich den internationalen Standards angepasst. Den Niedergang der Kohle konnte dies aber auch nicht stoppen: Die letzten Kohlenschächte von Courriéres schlossen im Jahre 1987 ihre Deckel.
Internet:
- L´Humanité zum 100. Jahrestag der Katastrophe (Englisch)
- Ablauf der Katastrophe (Französisch)
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