
- Taktische Karte der Schlacht der goldenen Sporen - Christian Peitz
König Philipp IV. von Frankreich, genannt „der Schöne“, war neidisch. Seine Missgunst richtete sich auf Flandern. Denn Flandern war einer der reichsten Landstriche Europas – und von diesem Reichtum wollte Philipp etwas ab haben. Doch die Grafen und Bauern Flanderns und die Bürger seiner Städte – freier Städte wohlgemerkt – machten da nicht mit. Sie hatten wenig Lust, ihre Selbständigkeit und ihren Reichtum an Frankreich zu verlieren. Also griff Philipp, sowieso der Anwendung von Gewalt nicht abgeneigt, wenn es um die Mehrung seiner Macht und vor allem seines Reichtums ging, zu ebendiesem Mittel und rüstete ein Heer aus. An dessen Spitze stellte er Robert II., Graf von Artois, einen erfahrenen Feldherrn. Die Flamen wussten: Jetzt geht es ums Ganze, um ihre Freiheit. Es musste zur Schlacht kommen, denn kampflos wollten sie sich nicht ergeben. Und in dieser Schlacht mussten sie siegen – komme was da wolle.
Die gegnerischen Heere vor Courtrai
Und es kam. Zwischen 5.000 und 8.000 Mann umfasste das Heer Roberts von Artois – zumeist schwer gepanzerte Ritter in Kettenrüstung und Plattenrock. Dazu kamen spanische leichtbewaffnete Infanterie und genuesische Armbrustschützen – Profis auf dem Gebiet des Waffenhandwerks.
Die Milizionäre der flandrischen Städte waren dagegen kriegstechnische Amateure. Zwar enthielt ihr Aufgebot aus den Städten Ardenberg, Berges, Brügge, Damme, Furnes, Gent, Kortrijk, Nienport, Oudenarde und Ypern mehr Männer – die Angaben schwanken zwischen 8.000 und 13.000 Mann – doch waren unter ihnen nur etwa ein Dutzend Ritter. Der Rest bestand aus Fußvolk, das neben einer mehr oder – meist – weniger vollständigen Rüstung mit Stangenwaffen aller Art wie Spießen, langen Äxten, Streitkeulen und dem legendären „Goedendag“ ausgerüstet waren. Der Goedendag, also „Guten Tag“, weil sich damit trefflich an einem Helm anklopfen ließ, bestand aus einer massiven, ca. 20 cm langen und 10 cm dicken Eisenwalze auf einer gut 1,50 m langen Stange und war zusätzlich mit einer langen Spitze versehen. Neben diesen „Spießbürgern“ gab es auch auf flandrischer Seite einige wenige Einheiten von Armbrustschützen. In Courtrai hatte sich das flandrische Aufgebot versammelt.
Die Taktik der Flamen vor Courtrai
Hätte man damals Wetten auf den Ausgang einer offenen Feldschlacht zwischen beiden Heeren abschließen lassen, so hätte wohl niemand auf die flandrischen Milizen gesetzt – wahrscheinlich noch nicht einmal die Flamen. Daher galt es eben diese Feldschlacht auf offenem Gelände zu vermeiden. Die Umgebung von Courtrai war für eine „Infanterie- freundlichere“ Taktik beinahe ideal geeignet. Courtrai war nämlich umgeben von Wasser – im Nordwesten fließt das Flüsschen Lys, die anderen Seiten wurden von wasserführenden Gräben geschützt. Dazwischen lag eine Insel – dort stellte sich das flandrische Heer auf, gut geschützt vor Angriffen von den Flanken oder in ihren Rücken.
Robert von Artois musste auf seinem Weg von Südwesten beinahe unweigerlich über diese Insel. Sein Ziel war nämlich eine Burg vor den nördlichen Mauern der Stadt, die von französischen Truppen gehalten wurde. Das schwer befestigte Courtrai anzugreifen kam für Robert von Artois jedoch nicht in Frage, denn er führte kein Belagerungsgerät mit sich. Es blieb also nur, die Stadt im Südosten zu umgeben – und genau dort hatten die Flamen Stellung bezogen.
Der Plan hatte nur einen Nachteil: Es gab keine Möglichkeit zum Rückzug. Die Flamen hatten den Fluss im Rücken. Für die Flamen stand also fest: Entweder sie siegten, oder sie würden vollständig vernichtet werden. Entsprechend gut waren die Männer motiviert. Sie würden keine Gnade walten lassen, so lautete ihr Befehl. Um ihre taktische Ausgangssituation ein bisschen für sich zu verbessern, hoben sie die Gräben tiefer aus und legten zusätzliche Fallgruben an, um den Schwung aus dem Angriff der französischen Ritter zu nehmen.
Die Schlacht der goldenen Sporen
Vor Courtrai angelangt, eröffnete Graf Robert die Schlacht. Zunächst schickte er seine Armbrustschützen vor. Über die Gräben hinweg schickten sie Bolzen um Bolzen in die Reihen der Flamen, die diesem massiven Beschuss wenig entgegen zu setzen hatten. Sie zogen sich geordnet zurück, in der Hoffnung, die französische Infanterie so über die Gräben locken zu können. Doch Graf Robert hielt seine Männer zurück. Stattdessen setzte er sich an die Spitze seiner Ritter und befahl die Attacke.
Dummerweise hatte er jedoch nicht mit dem sumpfigen Boden rund um die Gräben gerechnet. Sein Angriff blieb hoffnungslos im Morast stecken. Auf ihren schweren Streitrössern beinahe bewegungsunfähig im Sumpf versackt, wurden die Ritter leichte Opfer für das flandrische Fußvolk, das mit seinen Stangenwaffen die Ritter einfach von ihren Pferden stach. Weniger als der Hälfte der Franzosen gelang die Flucht. Robert II., Graf von Artois, war nicht darunter.
Die Flamen nahmen den gefallen Rittern ihre Sporen ab, 700 an der Zahl, und hängten sie im Gewölbe der Liebfrauenkirche in Courtrai auf. Die Sporen haben der Schlacht ihren Namen gegeben. Ihr Zusammenhalt und ihre Solidarität – als Nachbarn, Zunftgenossen und Landsmänner – hatten den Flamen den Sieg gebracht. Sie vertrauten auf die Rechtmäßigkeit ihrer Sache und das militärische Geschick ihrer Anführer, denen sie auch in der Schlacht unbedingt gehorchten. Dies hatte sie den Rittern und Söldnern ebenbürtig gemacht.
Die politischen Folgen der Schlacht von Courtrai
Nach der Niederlage vor Courtrai konnte König Philipp seine Anspruch auf Flandern nicht länger aufrecht erhalten, sein Heer musste das Land räumen. Erst das habsburgische Spanien sollte später wieder Ansprüche auf Flandern erheben – und sich an den Flamen wieder die Zähne ausbeißen.
Die politischen und sozialen Veränderungen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts hatten eine neue Kraft entstehen lassen: die selbstbewussten Bürger der Städte. Diese traten für ihre Überzeugungen auch mit der Waffe ein. Da sie sich nur in den seltensten Fällen ein Streitross leisten konnten, kämpften sie zu Fuß. Nach jahrhunderte langer Abwesenheit betrat die Infanterie wieder die Schlachtfelder Europas und löste in der Folgezeit die Kavallerie als bestimmende Waffengattung ab.
Legende zur Karte
A: die französischen Ritter
B: spanische und genuesische Infanterie
C: die französische Besatzung der Burg vor Courtrai
D: die flandrische Hauptmacht
E: Blöcke flandrischer Armbrustschützen
F: Fallgruben vor den flandrischen Stellungen
G: die flandrische Reserve
H: flandrischer Angriff auf die Burg
