
- Filmplakat „Crazy Heart“ - Twentieth Century Fox
Der Countrysänger Bad Blake hat schon bessere Tage gesehen. Oder, weniger freundlich ausgedrückt: Der Mann ist am Tiefpunkt seiner Karriere angelangt, dazu ein körperliches Wrack. Längst hat der Texaner keine eigene Band mehr, sondern tingelt durch die Provinz, wo er meist in zwielichtigen Spelunken auftritt. Aus Frust darüber besäuft sich vor Auftritten so gründlich, dass er während des Konzerts schon einmal hinter die Bühne treten muss, um in einen Kübel zu kotzen. Trotzdem ist sein Stolz ungebrochen, und in guten Momenten ist sein verwitterter Charme ebenso unwiderstehlich wie seine Musik. Alles in allem ist Bad Blake ein seltener Glücksfall – jedenfalls für Darsteller Jeff Bridges.
Jeff Bridges, 60 (und somit drei Jahre älter als seine Figur), gehört zu jener interessanten Kategorie von Schauspielern, die bei eingefleischten Kinofans Kultstatus besitzen, aber der breiten Allgemeinheit nicht einmal namentlich bekannt sind. Allenfalls erinnert man sich an das Gesicht: War der nicht in ...? Bestimmt. Bridges erlebte seinen schauspielerischen Durchbruch im Film „Die letzte Vorstellung“, der ihm auch gleich eine Oscar-Nominierung als bester Nebendarsteller einbrachte – das war 1971. Bridges‘ Filmografie wurde seitdem länger und länger, und er sah sich weitere Male für Auszeichnungen nominiert, aber dabei blieb es dann auch.
Klappe, die fünfte – bekommt Jeff Bridges für „Crazy Heart“ den Oscar?
Mit „Crazy Heart“, benannt nach einem Songtitel von Hank Williams, könnte sich das ändern. Einen Golden Globe hat Bridges für die Hauptrolle in diesem melancholischen Country-Roadmovie schon bekommen, und die Chancen stehen gut, dass Bad Blake in Wirklichkeit ein Goldjunge ist – es ist die fünfte Oscar-Nominierung. Diesmal passt alles: In „Crazy Heart“ zeichnet sich Bridges immer noch durch jene Schlitzohrigkeit aus, mit der er sich einst in „Die letzten beißen die Hunde“ neben Clint Eastwood behauptete. Den abgehalfterten Musiker, der den Country-Blues singt, bringt er mit der gleichen Leichtigkeit auf die Leinwand wie den „Dude“ in „The Big Lebowski“. Außerdem hat der Film einen großartigen Soundtrack (der sogar Nicht-Countryfans anspricht). Und dann ist da noch die wunderbare Maggie Gyllenhaal.
Gyllenhaal – ebenfalls für einen Academy Award nominiert – spielt die Journalistin Jean Craddock, die den Countrymusiker vor einem Konzert in Santa Fe in seinem Motelzimmer interviewt. Bei dem einen Interview bleibt es nicht; Jean taucht auch nach dem nächsten Auftritt wieder auf, und am Morgen danach nimmt sie Blake mit zu sich nach Hause, wo er mit ihr und ihrem kleinen Sohn Buddy (Jack Nation) frühstückt. Das geht alles bisschen schnell, jedenfalls mit dem Familienanschluss, und bis zuletzt wird nicht klar, was die blühende junge Frau eigentlich an dem alternden Musiker findet: In ihrer Gegenwart sieht nicht nur das Motel noch schäbiger aus als vorher, wie er ganz zutreffend bemerkt; er selbst kommt auch nicht gut dabei weg. Ist sie neugierig auf den Menschen, der sich hinter der Künstlerfassade verbirgt? Oder hat sie einfach nur Mitleid?
Maggie Gyllenhaal spielt die Muse des Countrysängers Bad Blake
Jean ist sich immerhin bewusst, welches Risiko sie eingeht: Eine Beziehung zu einem Trinker sei „wie mit einer Klapperschlange zusammenzuleben“, sagt sie einmal. Für den mehrfach geschiedenen Blake scheint es ein deutlich besserer Deal zu sein. Solange er seine Sucht nicht in den Griff bekommt, ist er allerdings auch vor weiteren Abstürzen im Suff nicht gefeit, und auf Dauer kann das nicht gut gehen. Oder etwa doch? Dann könnte es glatt noch eine Fortsetzung geben, flachste Jeff Bridges, wie Maggie Gyllenhaal bei einem „Rolling Stone“-Interview verriet – „Crazy Liver“. Bei einem Alkoholiker leidet eben nicht nur das Herz.
Durch Jean und Buddy wird Blake nicht nur klar, was er in seinem früheren Beziehungen verpasst hat; die beiden werden bald auch zum Katalysator positiver Veränderungen in seinem Leben. So sucht Bad wieder Kontakt zu seinem einstigen musikalischen Ziehsohn Tommy Sweet (etwas überraschend besetzt mit Colin Farrell), der längst in einer anderen musikalischen Liga spielt, aber immer noch große Stücke auf ihn hält. Aber es müssen noch einige Katastrophen passieren, bis er endlich den Country-Hit schreibt, der ihn wieder auf die Erfolgsschiene bringt: „The Weary Kind.“
Der Song aus der Feder des Musikers Ryan Bingham, der auch einen Auftritt im Film hat, ist ebenfalls Oscar-nominiert. Genau wie bei einem weiteren hitverdächtigen Filmsong, „Fallin‘ and Flyin‘“, handelt es sich dabei um einen schlimmen Ohrwurm, den man tagelang nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Die Filmmusik, für die insgesamt T Bone Burnett verantwortlich zeichnet, hat einen großen Anteil am Erfolg des stimmungsvollen Streifens, der den dünnen Plot schnell vergessen lässt. „Crazy Heart“ ist der Regie-Erstling von Scott Cooper, der vorher als Schauspieler und Produzent („For Sale by Owner“) in Erscheinung getreten war.
Der Musikfilm ist inspiriert von Biografien großer Country-Legenden
Cooper wollte ursprünglich einen Film über die Country-Legende Merle Haggard drehen, konnte aber die Rechte dazu nicht bekommen. „Crazy Heart“ basiert zwar auf dem gleichnamigen Buch von Thomas Cobb, das vom Leben des Countrysängers Hank Thompson inspiriert wurde, vereint aber die Biografien ganz unterschiedlicher Stars der Countryszene – nicht zuletzt erinnert viel an Kris Kristofferson, dem Jeff Bridges auch auffallend ähnlich sieht. Letztendlich verkörpert er sie alle: Bridges, die ultimative Country-Ikone. Die nötige Patina für eine solche Rolle bringt der Schauspieler inzwischen mit. Das fabelhaft dichte Haar, um das ihn Angehörige beider Geschlechter beneiden könnten, hat er allerdings immer noch, nur ist es inzwischen grau.
Eine Warnung (zusätzlich zu den Country-Ohrwürmern) sei an dieser Stelle allerdings angebracht: Wenn Bridges alias Blake mit seinem rostigen Suburban auf dem Highway unterwegs ist, irgendwo zwischen Houston, Texas, und Phoenix, Arizona, kann man leicht Fernweh kriegen. „Crazy Heart“ ist wieder einmal so ein Film, der einen ganz diffusen Weltschmerz auslöst sowie das dringende Bedürfnis, einen Roadtrip durch den Südwesten der USA zu unternehmen. Ziemlich kultverdächtig.
Update vom 06.03.10: Beim fünften Anlauf hat's endlich geklappt: Jeff Bridges erhält den Oscar als bester Hauptdarsteller. Und "The Weary Kind" ist bester Originalsong.
"Crazy Heart" (USA 2009)
Kinostart in Deutschland: 4. März 2010
Originaltitel: "Crazy Heart"
Regie: Scott Cooper
Verleih: Twentieth Century Fox
Laufzeit: 112 Minuten
