
- Dieter Zetsche / Lewis Hamilton SLS AMG, IAA 2009 - Daimler AG
Einst als Hochzeit im Himmel gelobt, ist die Zusammenarbeit zwischen dem US-Autokonzern Chrysler und der Daimler-Benz AG, die seinerzeit zu DaimlerChrysler fusionierten, medienwirksam gescheitert. Inzwischen steht die Daimler AG wieder für sich alleine. Zu alleine, wie Fachleute meinten, denn durch das höhere Einkaufsvolumen, das ein Markenverbund wie Volkswagen, Audi, Skoda und Seat bei von allen Marken verwendeten Gleichteilekomponenten erreicht, lassen sich die Endpreise der Fahrzeuge günstiger oder der Gewinn pro Fahrzeug höher gestalten. Eine Rechnung, die VW und Audi nahezu perfekt beherrschen.
Die Kooperation mit Renault soll Mercedes-Benz stärken: die Meldung vom 07. April 2010
Renault-Nissan B.V. und Mercedes wollen bei der Entwicklung und Fertigung der nächsten Generation des smart fortwo und Renault Twingo sowie deren Varianten mit Elektroantrieb und der Erweiterung der Produktfamilien von Twingo und Smart zusammenarbeiten, die auf dem Heckmotorkonzept des Smart entwickelt werden sollen. Zur Produktgestaltung kündigen die Vorstandsvorsitzenden Dr. Dieter Zetsche und der Vorstandschef der Renault-Nissan B.V., Carlos Ghosn, an, dass sich die Fahrzeuge klar voneinander differenzieren. Die Markteinführungen der gemeinsam entwickelten Modelle sind ab 2013 vorgesehen.
Drei- und Vierzylinder-Diesel- und Benzinmotoren von Renault-Nissan sollen an die Anforderungen künftiger Mercedes-Premiumkompaktwagen angepasst werden. Umgekehrt sollen Mercedes-Motoren in die Luxusklassefahrzeuge der Nissan-Tochter Infiniti eingebaut werden. Dieselmotoren und Getriebe von Renault-Nissan sollen in den Renault Vito eingebaut werden. Die Unternehmen haben sich außerdem auf eine enge Kooperation im Segment der leichten Nutzfahrzeuge geeinigt. Mercedes-Benz-Vans wird in diesem Zusammenhang sein Portfolio schon ab 2012 um ein neues Einstiegsmodell auf Basis des Kangoo erweitern.
Daimler AG und Renault-Nissan B.V. vereinbaren gegenseitige Kapitalbeteiligung
Darüber hinaus haben die beiden Unternehmensgruppen auch eine gegenseitige Kapitalbeteiligung vereinbart: Die Renault-Nissan Allianz erhält einen Anteil von 3,1Prozent in Daimler und Daimler einen Anteil von 3,1 Prozent in Renault und von 3,1Prozent in Nissan. Renault hat unabhängig davon vereinbart, 1,55 Prozent der Daimler-Aktien mit Nissan gegen 2 Prozent der Nissan-Aktien zu tauschen; Renault und Nissan werden dadurch jeweils 1,55 Prozent der eigenen Aktien von Daimler halten. Weitere Synergien sollen durch gezielte Erschließung gemeinsamer Einkaufsmöglichkeiten und den Austausch zu führender operativer Prozesse erzielt werden.
Mercedes zeigte bisher deutliche Schwächen in der Modellplanung
Kritiker wie der Automobilfachmann Gottlieb Schütz weisen darauf hin, dass Mercedes-Benz auch nach Jahren nicht begriffen zu haben scheint, wie das Kompaktklassegeschäft funktioniert. Anstatt dass der Autohersteller eine kleine Limousine in der Art des VW Golf baut, setzten die Stuttgarter auf das Minivan-Konzept einer A-Klasse und B-Klasse. Doch keine der beiden Mercedes-Limousinen hat es jemals geschafft, die Stückzahlen des Wolfsburger Beststellers zu erreichen. Dies liegt auch daran, dass mit dem zweitürigen und dem viertürigen Golf, dem Stufenheck namens Jetta, dem Golf Variant, dem Cabrio Eos sowie dem Coupé Scirocco sechs Autos auf einer Plattform aufbauen.
Dazu ist noch der Golf Plus zu rechnen, der ebenfalls auf dem Golf basiert, wie Audi A3, Audi A3 Cabrio, Seat Leon und Skoda Octavia. Volkswagen tritt mit der Hochdachversion Golf Plus zwar in demselben Segment an, wie Mercedes mit der A-Klasse und B-Klasse, benutzt dazu aber eine technische Grundlage, die eben auch für viele andere Karosserievarianten geeignet ist. Die Sandwichplattform der A-Klasse und B-Klasse, die sogar die Entwicklung eigener Motoren erforderlich machte, bietet keine weiteren Optionen für den Ausbau eines ganzen Modellprogramms wie beim Golf.
Ein Mercedes 190 E in der Golf-Klasse wäre ein Rezept zum Erfolg gewesen
Insofern kommen Kritiker schnell zu dem Ergebnis, dass Mercedes-Benz mit dem einseitigen Setzen auf den Minivan die Möglichkeit verschenkt hat, mit einem richtigen Auto den Erfolg des legendären Baby-Benz Mercedes 190 E in der Golf-Klasse zu wiederholen. Denn als richtigen Mercedes sehen viele Freunde der Marke erst die C-Klasse an. Ein Mercedes im Format des Golf oder auch im Format des BMW 1ers wäre eine Sensation gewesen. Auch der 1er setzt mit zwei- und viertürigen Varianten sowie dem Coupé und Cabrio auf einen sinnvollen Mehrfachausbau der Modellgrundlage. BMW war demnach schlauer als Mercedes, sagt Schütz.
Das Design von Mercedes nähert sich dem, das BMW gerade abschafft
Während sich BMW zudem wieder ruhigen, geraden Gestaltungswegen zuwendet, scheint Mercedes-Benz in der Kompaktklasse diesen Weg zu verlassen; auch wenn gerade Linien im Exterieur und Interieur der neuen E-Klasse zurückkehrten. Doch das Design der Studie F-Cell, die als B-Klasse-Nachfolger gesehen wird, zeigt ähnliche Linien, wie das der viel kritisierten Autos von Chris Bangle bei BMW. Dass das Cabriolet und das Coupé der E-Klasse sich die Basis mit der C-Klasse Limousine, dem Kombi und dem für 2011 angekündigten neuen C-Klasse-Coupé teilen, zeigt, dass Mercedes das Baukastensystem im Prinzip beherrscht.
Anstatt dieses Konzept nun bei einem dem Golf ähnlichen Nachfolger der A-Klasse anzuwenden und eine breite Modellpalette aufzustellen, die sich die Basis dieses Neulings teilt und damit auf einkaufskostensenkende Stückzahlen zu kommen, sucht Mercedes-Benz erneut sein Heil in einer Kooperation. Diesmal ist es ein französischer Hersteller, dessen Autos nicht im Ruf perfekter Zuverlässigkeit stehen. Ein Mercedes mit einem Renault drunter oder unter der Haube – dass sollen die Kunden schlucken? Der älteste Autohersteller der Welt schuldet seinen Kunden vielmehr die Erklärung, warum er nicht imstande ist, das Konzept Golf erfolgreich anzuwenden, so Kritiker Schütz.
Mercedes und Renault: Gegner in der Formel 1
Mercedes-Benz hat gerade ein eigenes Formel 1-Team aufgebaut. Welchen Sinn es macht, wenn die künftigen Partner sich in der Königsklasse des Motorsports gegenseitig bekämpfen, ist eine weitere Frage, die sich aus der Kooperationsvereinbarung ergibt. Diese wird durch ein neues “Cooperation Committee” gesteuert, in dem mit Renault, Nissan, Smart und Mercedes sowie Infiniti alle beteiligten Partner vertreten sein werden. Das "Cooperation Committee“ wird gemeinsam von den Vorstandschefs Carlos Ghosn und Dieter Zetsche geleitet und setzt sich aus leitenden Führungskräften der Unternehmen zusammen.
Natürlich schwärmen Dr. Zetsche und Carlos Ghosn von der gegenseitig verbesserten Auslastung der Kapazitäten in der Fertigung, von sich verbessernden Einkaufskonditionen, von der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit im globalen Weltmarkt sowie halbierten Entwicklungskosten. Doch dies klingt alles sehr nach Chrysler, erinnert an die Worte anlässlich der Hochzeit im Himmel und entspricht nach Ansicht des Kritikers Schütz in der Sache nicht dem Image des Herstellers einer S-Klasse und eines Mercedes SLS AMG. Einem Hersteller, der aus Fehlern der Vergangenheit offenbar nicht klug wird?
