
- Daniel Everett - das glücklichste Volk - Daniel Everett
Als Missionar wollte er zu den Piraha (sprich Pi-da-ha), um ihnen von Gott zu predigen. Ohne die Errungenschaften unserer westlichen Welt lebte Dan Everett fast sieben Jahre an einem Nebenfluss des Amazonas. Er begann ihre Sprache zu lernen, erforschte ihre Kultur. Ihn faszinierte, dass sie nur über Dinge sprechen, die sie selber erlebt haben, keine Zahlwörter kennen und keine Bezeichnungen für Farben haben. Dann kam dem Missionar und Linguisten Dan Everett sein Glauben abhanden.
Suite 101: Was würden die Piraha sagen: welche Farbe hat Ihr Jackett, Herr Everett?
Dan Everett: Es sieht aus wie … ein Hund vielleicht. Hm, sie würden viel sagen über das Material. Denn sie können sehr gut zwischen synthetischen und natürlichen Materialien unterscheiden.
Suite 101: Sie waren sehr jung und kamen aus einer vollständig anderen Kultur, als Sie an den Amazonas gingen. Was ist in Ihrem Leben passiert, dass Sie sich dafür entschieden?
Dan Everett:: Als Teenager habe ich in Rockbands gespielt, habe Drogen genommen. Schließlich traf ich eine junge Frau, die mir von Gott und dem Amazonas erzählte. Meine erste Frau Keren war ein Missionarskind aus dem Amazonas. In der Highschool hörte sich das fantastisch an. Na klar, da wollte Ich auch Missionar werden.
Suite 101: Als Sie dann zum ersten Mal zu den Piraha kamen waren Sie enttäuscht. Warum?
Dan Everett: Ich hatte so viele Bilder von Indianern aus dem Amazonasgebiet gesehen. Alle mit buntem Federschmuck und fantastischer Körperbemalung. Die Piraha aber schliefen auf dem Boden, hatten sehr primitive Hütten, bemalten sich nicht. Ich sagte zu meiner Frau, die sehen aus wie eine Gruppe von Hippies irgendwo am Strand.
Suite 101: Glaubten Sie damals wirklich, dass die Piraha das Wort Gottes brauchten?
Dan Everett: Zunächst einmal dachte ich, die tun ja den ganzen lieben langen Tag gar nichts, die brauchen erst einmal ein Ziel. Aber ich sollte schnell erkennen, dass sie einfach nur glücklich waren. Und je mehr Zeit ich dort verbrachte, desto besser erkannte ich, dass sie das taten, was sie tun mussten. Sie waren glücklich und lachten die ganze Zeit. Warum sollte ich ihnen von Gott erzählen? Um ihr Leben zu verbessern? Wie könnte man ihr Leben überhaupt verbessern?
Suite 101: Sie wurden zwar mit einem Lächeln empfangen, aber es gab auch kritische Momente, in denen Sie, Ihre Frau und Tochter bedroht wurden. Haben Sie jemals gedacht einfach wegzugehen?
Dan Everett: Ja und nein. Die Piraha waren damals betrunken und sprachen davon, uns alle umzubringen. Das war purer Horror. Eine unheimliche, gefährliche Situation. Schlimmer für mich aber war die Situation, als meine Frau und Tochter Malaria bekamen. Ich musste sie in die Stadt bringen. Meine Frau wog noch gerade 35 Kilogramm und der Arzt sagte, dass sie sterben wird. Ihr ganzes Blut war mit dem Malariaerreger infiziert. Ich dachte: das kannst du deiner Familie nicht länger antun. Du gehst nicht zurück zu den Piraha.
Suite 101: Waren Sie nicht sehr enttäuscht, keine Hilfe von den Piraha zu bekommen?
Dan Everett: Ja, das ist richtig. Niemand half mir, meine Frau ins Boot zu bringen oder sie irgendwie zu versorgen. Die Piraha baten mich statt dessen dieses oder jenes in der Stadt zu kaufen. In meiner Interpretation, dachten sie nur an sich und wollten mich überhaupt nicht unterstützen. Das zog mich runter. Ich brauchte Jahre um zu begreifen, dass Piraha ständig Menschen sterben sehen. Normalerweise helfen die Piraha anderen. Sie halfen Keren nicht, weil sie der Überzeugung waren, dass das normal ist – wenn man Malaria bekommt, dann stirbt man eben. Sie sehen den Tod als etwas ganz Normales an.
Suite 101: Es gab noch eine andere brutale Situation. Als beispielsweise Xopisi …
Dan Everett: … oh Sie sprechen das perfekt aus …
Suite 101: ...als sie bei der Geburt ihres Kindes starb, half ihr kein Piraha.
Dan Everett: In Amerika habe ich gerade dazu viele Zuschriften von Lesern bekommen. Die schreiben, dass sie lange brauchten, um diese schrecklichen Menschen zu vergessen, die eine Mutter und ihr Kind einfach sterben lassen. Es ist für uns sehr schwierig zu verstehen, dass so nette und freundliche Menschen, die friedvoll und gewaltlos sind, Dinge tun, die wir als Horror empfinden. Die Familie hilft normalerweise einer gebärenden Frau. Xopisi aber war ganz allein. Fremde Piraha wollten nicht das tun, was sonst die Familie übernimmt. Ohne Familie bist du bei den Piraha nichts.
Suite 101: Haben Sie sich häufig alleine gefühlt?
Dan Everett: Ja, vor allem in den Zeiten ohne meine Familie. Es war eine extrem lange Zeit und eine außergewöhnliche Erfahrung. So habe ich manches Mal am Fluss gesessen und ins Wasser gestarrt, ohne etwas Vernünftiges arbeiten zu können. Die Piraha brachten mir gegrilltes Wildschwein und sagten: du kannst hier nicht so einfach sitzen und vor dich hinstarren. Ich merkte, dass ich mit ihnen reden konnte, dass sie meine Freunde geworden waren. Und trotzdem, nach all den Jahren, so sehr ich auch den Dschungel liebe, alles kann ich nicht annehmen und verstehen. Ich bin kein Piraha, aber vielleicht ein guter Freund.
Dan Everett: Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Piraha Indianern am Amazonas.2010. DVA Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 416 Seiten, 24,95 Euro. ISBN: 978-3-421-04307-8
