
- Dan Wells: Du stirbst zuerst - Piper
Dan Wells war mit seinen drei Mystery-Thrillern um John Cleaver („Ich bin kein Serienkiller“, „Mr. Monster“ und „Ich will dich nicht töten“) in Deutschland sehr erfolgreich. Für sein neues Buch „Du stirbst zuerst“ hat er sich einen neuen Protagonisten gesucht. Auch die Schrecken sind andere – auf Serienmörder wollte Wells aber nicht verzichten.
Michael ist die Hauptfigur von „Du stirbst zuerst“
„Du stirbst zuerst“ wird aus der Sicht von Michael Shipman erzählt. Dan Wells hat sich erneut für einen Ich-Erzähler entschieden, aus dessen Perspektive er nur für den Prolog heraustritt. Ansonsten folgen Leser den Ereignissen rein aus der Sicht von Michael. Dan Wells hat zudem erneut einen Protagonisten mit psychischen Anomalien erschaffen. Handelt es sich bei John Cleaver um einen Soziopathen, dem menschliche Regungen und Gefühle fremd sind, so handelt es sich bei Michael Shipman um einen depressiven Schizophrenen. Doch wie krank ist Michael? Mit der Antwort macht es sich Wells in „Du stirbst zuerst“ nicht leicht.
Michael fühlt sich verfolgt. Verfolgt von gesichtslosen Wesen, die ihn mithilfe elektronischer Geräte überwachen und seinen Bewegungsradius einschränken. Die Nähe von Mobiltelefonen, Fernsehern und Radioweckern bereitet Michael körperliche Schmerzen. Doch einer Therapie verweigert er sich, da er befürchtet, von Helfern und Helfershelfern der Gesichtslosen auf diese Weise kontrolliert und ausgeschaltet zu werden. Auch „Die Kinder der Erde“ rechnet Michael zu seinen Feinden und macht sie für den Tod seiner Mutter verantwortlich. „Die Kinder der Erde“ sind allerdings auch die Opfer einer Mordserie, hinter der der sogenannte Wellnesskiller steckt. In welcher Verbindung steht Michael zum Serienmörder, ist er gar der Täter?
Dan Wells erforscht in „Du stirbst zuerst“ Michaels Psyche
Aus dieser Frage und der Frage, was an Michaels Wahnvorstellungen real ist und was nicht, bezieht „Du stirbst zuerst“ seine Spannung. Dan Wells versetzt sich gut in die Perspektive eines psychisch Kranken, der nur schwer zwischen Freund und Feind unterscheiden kann und in seiner eigenen Welt gefangen ist. Die Abläufe in einer psychiatrischen Klinik und einer psychiatrischen Behandlung scheint der Autor gut recherchiert zu haben. Nur schade, dass die Übersetzung da nicht immer mithalten kann und permanent vom „Unterbewusstsein“ die Rede ist, obwohl es in der Psychologie nur das Unbewusste gibt. Besonders die erste Hälfte von „Du stirbst zuerst“ ist sehr spannend und packend, wenn sich die Lösung noch überhaupt nicht abzeichnet. Die ist auch nicht in allen Facetten absehbar, schließlich weiß man bei Dan Wells, dass auch das Übernatürliche eine Rolle spielen kann.
Wie die ersten drei Bücher von Dan Wells auch, erscheint „Du stirbst zuerst“ im Rough-Cut, wodurch sich die Mystery-Thriller auch optisch von der Masse der Veröffentlichungen in Deutschland abheben; im angelsächsischen Raum ist diese Form der Buchbindung weiter verbreitet. Ob Dan Wells dem Genre Mystery-Thriller treu bleiben wird, ist noch nicht klar. Er selbst ist einem Wechsel in andere Fächer nicht abgeneigt und liebäugelt mit einer Science-Fiction-Geschichte, wie Dan Wells im Interview verriet.
Dan Wells: Du stirbst zuerst. Piper 2011. Broschiertes Taschenbuch, 448 Seiten. Euro 12,99 (Österreich 13,40).
