
- Daniel Kehlmann - http://www.rowohlt.de/sixcms/detail.php?template=r
Sie lesen sich ganz unterschiedlich. Und wenn man mit den ersten beiden Geschichten beginnt, so hat man ehrlich gesagt nicht die leiseste Idee, warum die Weltwoche auf dem Buchdeckel behauptet, dass ausgerechnet dieses Stück Prosa zur neuen Weltliteratur gezählt werden sollte. Denn als Leser denkt man über die ersten Episoden heimlich "das hätte ich auch noch gekonnt". Was man dann aber nicht mehr kann, ist Kehlmanns Geniestreich, wie er scheinbar auf fast teuflische Weise klammheimlich neun Geschichten ineinander zu einem Mosaik fließen lässt.
Handlung in neun Geschichten
Alles beginnt damit, dass Computertechniker Ebling eines Morgens einen Anruf auf seinem neuen Mobiltelefon erhält. Fortan klingelt es stetig . Von seinem eigenen Leben angeödet, nimmt er ab und eine andere Identität an. Verlangt wird am anderen Ende immer ein Ralf und der ist kein anderer als ein Filmstar. Was Ebling nicht weiß: Durch seine Entscheidungen am Telefon, und den Konsequenzen, geht dessen Leben gerade zugrunde.
Zu Ende geht das Leben von Rosalie. Die ist auf dem Weg zum Sterben. Und irgendwo im Ostblock verliert eine Schriftstellerin gerade den Kontakt zur Außenwelt und ihrer Reisegruppe. Ein Autor hat Existenzängste. Seine Freundin wird in seinem neuen Roman verewigt und sich dadurch auflösen. Ein Blogger, ein Nichtskönner, ein Soziopath des digitalen Djungels, wird von seinem Vorgesetzten zu einem Vortrag geschickt. Er verhaut ihn.
So geht das über neun Episoden. Und als Leser denkt und grübelt man wohin das noch führt.
Kehlmanns Bauplan für den Roman
Wie sieht es wohl im Gehirn eines Mannes aus, der ein bis ins letzte Detail ausgetüftelten Bauplan zu einem Roman vorlegt, der genau dadurch lebt. Als Leser werden wir von Kehlmann auf ein Experiment eingeladen, den Bauplan zu begutachten: Je weiter man liest, je tiefer man vordringt, desto mehr Gänge, Windungen und Schächte dieses Plans werden durchforstet und man wird feststellen, dass am Ende alles Sinn macht. Alle Welten lösen sich auf und werden zu einer. Sie verschmelzen miteinander und ergeben am Ende die Symbiose, nach der man als Leser auf der rastlosen Suche durch das Buch und seinen Charakteren ist.
Die Auflösung des Individuums
Wovon handelt dieser Roman, von diesem cleveren Jungautoren, der schon mit 35 auf ein beeindruckendes Werk seines literarischen Schaffens zurückblicken konnte. Er handelt vom Zeitgeist. Vom medialen und digitalen Djungel. Das ekelhaft ausgeprägte menschlichen Verlangen nach oberflächlicher Selbstdarstellung und die Sucht nach Anerkennung wird geschickt entblößt, geohrfeigt und der Lächerlichkeit ausgeliefert. Das Buch handelt von Flucht aus seinem eigenen in ein anderes Leben. "Ruhm" philosophiert über die Auflösung des eigentlichen Individuums. Die ach so alte Wer-sind-wir-eigentlich-Frage wird gestellt. Beantworten lässt Kehlmann sie über die Konsequenzen der Entscheidungen der Figuren. Die lösen sich auf - wie Ruhm.
Perspektivwechsel durch die Figuren
Die Perspektiven wechseln gekonnt durch die unterschiedlichen Figuren, die mal als Neben- und mal als Hauptfiguren auftreten. Auch er selber findet seinen Platz darin. Als Autor steht er da auf einmal im Diskurs mit Rosalie, die ihm sagt, dass sie eigentlich gar nicht sterben wolle. Aber dann gäbe es ja gar keine Geschichte antwortet der Autor seiner Figur. Ganz real - oder doch nur fiktional? Die Grenzen verschwimmen. Die Wahrheit ist oftmals versteckt. Und selbst wenn sie offensichtlich erscheint, so kann man sich nie sicher sein. Durch die permanenten Perspektivwechsel steht der Autor, seine Geschichten, seine Erzähler im immer fortwährenden Diskurs der Legitimation ihrer selbst.
Ruhm trifft uns alle
Erzählweisen und Stile werden verbraucht. Kehlmann springt hin und her. Lässt Figuren sprechen und spricht mit ihnen selber. Erzähler sind variabel austauschbar und werden aufgelöst. Alles für die schwierige Suche nach dem Inhalt des Titels: Ruhm. Ist Ruhm real? Sind es die Figuren, die Erzähler der Autor, wir? Was haben Figuren wie Rosalie oder der übergewichtige Computerfreak mit Ruhm zu tun? Sie sind Teil des Systems, wie wir alle. Und auch sie sind irgendwann an der Reihe, wenn eine Kette Fiktion und Realität in unser digitalisierten Welt sie endlich erreicht. Sie und uns.
Daniel Kehlmann: Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten. Rowohlt Verlag, 2008. 208 Seiten. 18,90 Euro.
