Daniel Alarcón – Lost City Radio

"Lost City Radio" von Daniel Alarcón - Daniel Labs / pixelio.de
Ein vom Bürgerkrieg zerrüttetes Land, eine Journalistin, die Namen von Vermissten verliest und ein Junge aus dem Urwald - die Zutaten von "Lost City Radio".

In einem fiktiven Land Südamerikas, dessen Name zu keinem Zeitpunkt genannt wird, entrollt sich die Handlung des Romans. Ausgangsszenario ist eine erschreckende Nachkriegsgesellschaft. Die alten Namen der Städte und Dörfer sind vergessen und durch Zahlen ersetzt worden. In der Öffentlichkeit ist es tabu, vom Krieg zu sprechen, der das Land über Jahre zerrüttet hat.

Lost City Radio, eine besondere Radiosendung

In den Wirren des Kriegs sind unzählige Menschen verschwunden oder haben einander verloren. Es ist die Radiojournalistin Norma, die ihren Angehörigen mit ihrer Stimme Hoffnung gibt. In ihrem Programm Lost City Radio verliest sie die Namen der Verschwundenen und lässt die Suchenden zu Wort kommen. Die Menschen im ganzen Land verehren Norma und ihre Stimme.

Dann taucht Victor auf, ein elfjähriger Junge irgendwo aus dem Urwald im Landesinneren. Er hat eine Liste mit den Verschwundenen seines Dorfes 1797 vor sich. Die Begegnung mit ihm wird Norma aus der Bahn werfen, denn auf der Liste steht auch der Name ihres Mannes Rey, auf dessen Rückkehr sie seit über zehn Jahren wartet. Seit damals hat sie der bohrende Zweifel begleitet, ob Rey nun wirklich als Ethnobotaniker unterwegs war oder vielleicht doch zu einer terroristischen Vereinigung gehörte.

Kein magischer Realismus, sondern reale Düsternis

Norma, Rey, Victor – das sind die Grundkonstanten, um die sich die komplexe Handlung des Romans entwickelt. Daniel Alarcón arbeitet mit Zeitsprüngen und Perspektivwechseln, Konzentration beim Leser ist gefragt. Vom magischen Realismus eines Gabriel García Márquez hat das Buch freilich nichts.

Gemeinsam mag jedoch beiden sein, dass sie aus dem Fundus gemeinsamer Elemente in der lateinamerikanischen Geschichte schöpfen. Und wie García Márquez die Geschichte Kolumbiens auf magisch dichte Weise in Hundert Jahre Einsamkeit komprimiert, so möchte man meinen, dass Daniel Alarcón auf die gleiche Weise die beunruhigende Möglichkeit einer lateinamerikanischen Zukunft entstehen lässt, die so eintreffen kann – oder eintreffen hätte können.

Lost City Radio spielt überall und nirgends

Dabei bleibt offen, in welchem Land Alarcón die Handlung ansiedelt. Oftmals denkt man beim Lesen an Peru, und das kommt sicher nicht von ungefähr: Daniel Alarcón ist in Lima geboren, lebt heute jedoch in den USA und hat Lost City Radio auch auf Englisch geschrieben. Das namenlose Land des Romans scheint in mancher Hinsicht in Anlehnung an Perus Geschichte entworfen zu sein.

Doch Gewalt, Bürgerkrieg, Diktatur, Verschwinden und Vergessen – dieser Komplex ist so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner der lateinamerikanischen Geschichte. Und so ist es letztlich ein guter Schachzug, dass Daniel Alarcón dem Land keinen Namen gibt. Lost City Radio wird dadurch zu einem Roman, der überall spielen könnte; nicht nur in Lateinamerika, aber ganz besonders dort.

Lost City Radio von Daniel Alarcón ist 2008 im Verlag Klaus Wagenbach, Berlin in der deutschen Übersetzung von Friederike Meltendorf erschienen.

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Bildnachweis: Daniel Labs / pixelio.de

Sabrina Zelezny, Sabrina Zelezny

Sabrina Železný - " ... volando vengo, volando voy deprisa, deprisa al rumbo perdido ..." (Manu Chao) Ich wurde 1986 geboren und schreibe, seit ich ...

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